KRITIK

Aviator

Aviator Der junge Howard Hughes, dieser texanische Parvenü mit Vaters Ölmillionen im Rücken, betritt den piekfeinen Nachtclub in Los Angeles etwas unsicher. Eigentlich gehört er nicht hierher, nicht in die arrivierte Hollywood-Hautevolee, und doch steckt genug Hybris in ihm, sich schnurstracks den Weg zum mächtigen Studioboss Louis B. Mayer zu bahnen und um zwei Kameras für sein Filmprojekt „Hell’s Angels“ zu bitten. Was ja auch keine große Sache wäre, hätte der 22-jährige Smokingträger nicht bereits zwei Dutzend im Einsatz. So aber verlässt er das Etablissement unter Hohngelächter und ohne Kameras mit einem so strahlend-unerschütterlichen Trotz im Gesicht, dass man schon jetzt die Spötter bedauert.

Martin Scorsese hat einen Ausschnitt des Lebens der amerikanischen Legende Howard Hughes auf die Leinwand gebracht, eine Biographie, die von drei großen „F“ geprägt war: Filme, Flugzeuge und Frauen. Um Pioniergeist und Besessenheit, Genie und Wahnsinn kreist „The Aviator“, der kein echtes Scorsese-Drama wäre, erzählte er nicht auch vom Absturz des getriebenen Mannes: die neurotische Angst vor Keimen und Bakterien – eine von der eigenen Mutter eingeimpfte Phobie – vernebelte schließlich den Verstand des Hasardeurs und Womanizers.

Am Beginn aber steht die Cinemania. Ende der 1920-er Jahre dreht Hughes, gespielt von Leonardo DiCaprio, in der südkalifornischen Wüste seine Weltkriegsschlacht „Hell’s Angels“, den bis dato teuersten Film aller Zeiten. Eine tollkühne Fliegergeschichte, in der Hughes‘ ganze Leidenschaft für die Welt über den Wolken liegt.Als während der Arbeit daran der Tonfilm sich durchsetzt, beginnt der Regisseur noch einmal von vorn. Als superlativsüchtigen Ikarus inszeniert Scorsese ihn, als obsessiven Grenzbrecher und fanatischen Überflieger, der Lindberghs Geschwindigkeitsrekord einstellt und immer gewagtere Modelle konstruiert, der die Fluggesellschaft TWA übernimmt und gegen die übermächtige PanAm-Konkurrenz verteidigt, und der schließlich, beinahe im Vorbeigehen, Affären mit den schönsten Schauspielerinnen des Golden Age in Hollywood hat. Die berührendste mit Katharine Hepburn, der Cate Blanchett eine wundervolle Mischung aus ätherischer Starallüre und zupackender Sehnsucht verleiht.

Martin Scorsese, der zuletzt in „Gangs of New York“ so angestrengt aufs Epos schielte, verfolgt Hughes‘ Geschichte mit virtuosem Gespür für die Fallhöhe seines Bruchpiloten bis in die 40-er Jahre. Selbstverständlich bleibt in einem Biopic manches plakativ, sicher müssen einzelne Szenen von über Jahre währenden Zerrissenheiten künden. Leonardo DiCaprio allein aber entschädigt für gewisse Glättungen, er ist eine Wucht als Howard Hughes, und nur diejenigen, die offensichtlich seine frühen Filme, etwa „This Boy’s Life“ und „Gilbert Grape“, nicht in Erinnerung haben, zeigen sich jetzt überrascht, dass der „Titanic“-Posterboy mit unverschämtem Schauspieltalent gesegnet ist.Als Hughes‘ Neurose sich verschlimmert, zieht er sich einmal für Wochen in die Dunkelheit seines Vorführraums zurück. Umgeben von ungezählten Kleenex-Tüchern und Milchflaschen voller Urin kämpft er mit inneren Dämonen, ein irrlichternder Held im Bilderrausch. DiCaprios Verve überhöht diese Sequenz zur Götterdämmerung eines tragisch umnachteten Lebensendes. Sein Ikarus ist nicht der Sonne zu nahe gekommen, er verglüht innerlich.



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INHALT

Mit 18 Erbe der Maschinenfirma seines Vaters, zieht es den jungen Howard Hughes von Texas nach Hollywood, wo er sein Geld in Filme steckt und in den folgenden Jahren sowohl die Karriere zahlreicher Stars lanciert als auch so zeitlose Kinoklassiker produziert wie "Hell's Angels", "Front Page", "Scarface" oder "Geächtet". Nebenbei hat der zeitweilige Besitzer der RKO-Studios noch Zeit, Abenteuer als Flieger-As zu vollbringen, Flugboote zu entwerfen, die TWA zu gründen, die Satellitentechnik anzukurbeln und feinen Damen wie Ava Gardner oder Katherine Hepburn nachzustellen. Hughes wird eine Berühmtheit für die Öffentlichkeit, die jedoch nichts von seinen Dämonen ahnt.
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Eure Kritiken zu Aviator

  1. Udo

    Ein Oscar-FavoritBei so vielen Oscar-Nominierungen bin ich neugierig geworden. Den Besuchhabe ich nicht bereut. Leo diCaprio in der Rolle seines Lebens und Scorsese übertrifft sich endlich mal wieder selbst – klasse!

  2. Sissi

    BeeindruckendHallo, ich hätte es nicht gedacht, aber Leo ist wirklich gut. Der Film besticht vor allem durch seine tolle Ausstattung und durch das gute Schauspiel von Leo diCaprio, sehenswert!

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