KRITIK

Avatar – Aufbruch nach Pandora

Avatar - Aufbruch nach Pandora 12 Jahre. Wenn ein Regisseur zum Ende des zweiten Jahrtausends eine zwölfjährige freiwillige Pause von der Unterhaltung einlegt, ist ihm entweder die Lust auf den Beruf vergangen und er hat sich zwischenzeitlich neu orientiert oder er heißt James Cameron. Der Kanadier hatte zuletzt den erfolgreichsten Film der Kinogeschichte inszeniert. Sein Untergangs-Epos „Titanic“ hat bis heute inklusive Einnahmen aus dem DVD-Verkauf über 2 Milliarden Dollar eingespielt. Der selbsternannte König der Welt und Schöpfer von Meilensteinen der Filmgeschichte wie „Abyss“ (1989) oder „Terminator 2“ (1991) ist aber in dieser Zeit nicht untätig gewesen oder hat sich auf seinen verdienten Lorbeeren ausgeruht. Cameron hat „die größte Herausforderung angenommen“, so ließ er unlängst verkünden, der er sich je stellen musste. Große Worte, mit denen er die ohnehin große Erwartungshaltung bei seinen Fans noch steigern dürfte.

Mit „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ erfüllte sich der Ausnahme-Regisseur einen Jugendtraum und arbeitete viereinhalb Jahre an seinem Projekt. „Ich habe immer von einem Film wie diesen geträumt. Ich träumte von einer anderen Welt, voller Gefahren und voller Schönheit. Mit Avatar hatte ich zu Beginn des dritten Jahrtausends, nach Filmen wie `Jurassic Park` oder `Der Herr der Ringe` und mit Robert Zemeckis Motion-Capture-Verfahren endlich die Möglichkeit, so eine Geschichte zu erzählen.

„James Cameron´s Avatar“ (wie der Film zu Anfang hieß) erzählt die Geschichte des ehemaligen US-Marine Jake Sully (Sam Worthington). Der Soldat ist an einen Rollstuhl gefesselt und hat vor kurzem seinen Bruder auf einer geheimen Raumfahrt-Mission verloren. Wir schreiben das Jahr 2154. Die geheime Raumfahrt-Mission war eine Suche nach neuen Ressourcen zur Energiegewinnung. Auf dieser stieß das beauftragte Team auf den Planeten Pandora, der von den Na´vi bevölkert wird. Die Na´vi sind drei Meter große Lebewesen mit blauer Haut und besonderen Fähigkeiten. Da Menschen auf dem Planeten nicht atmen können, wurden von einem Experten-Team unter der Leitung von Dr. Grace Augustine (Cameron-Stammschauspielerin Sigourney Weaver) so genannte Avatare entwickelt, Ersatzlebewesen in Na´vi-Form, die von ihren Besitzern gesteuert werden. Jake Sully wird für das Avatar-Programm ausgewählt. Er lernt die Na´vi Neytiri (mit den Bewegungen und der Stimme von Zoe Saldana) kennen und lieben und findet sich nach einer herzlichen Aufnahme im Stamm wenig später im Kreuzfeuer eines Krieges zwischen Menschen und Na´vi wieder, die ihren Planeten verteidigen.

Dass Avatar tricktechnisch neue Maßstäbe setzen würde, dass konnte jeder Filmfan bereits vor dem Film den vielen Blogeinträgen, Gerüchten und News aus der Szene entnehmen. Auch die groß angekündigten Trailer ließen daran keinen Zweifel. Nach den visuellen Meisterwerken wie „Der Herr der Ringe“ oder auch „Fluch der Karibik“ trieb Cameron die Motion-Capture-Technologie weiter voran und entwickelte gemeinsam mit Peter Jacksons Trickschmiede WETA Digital eine 3D-Kamera, die es erlaubt, mit den CGI-Modellen so variabel wie mit herkömmlichen Modellen zu drehen. Das Ergebnis dieser immensen Bemühungen, die seit 2005 auf Hochtouren liefen, ist tricktechnisch sehr beeindruckend und lässt den Gerüchten sehenswerte und atemberaubende dreidimensionale Bilder folgen.

Auch die Darsteller in ihren Na´vi Körpern wirken nicht wie Schaufensterpuppen oder Totenmasken, was noch in Zemeckis Motion-Capture-Filmen wie „Beowulf“ oder „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“ immer wieder zu beklagen war. Camerons Figuren sind absolut fotorealistisch. Diese neue Welt, die sich der Hauptfigur und damit auch dem Publikum eröffnet, bekommt so inhaltlich durch die neue beeindruckende Tricktechnik wesentlich mehr Gewicht. Cameron lässt das Publikum die Entdeckungsreise hautnah miterleben, das Kennenlernen der Kultur der eingeborenen Na´vi, die in perfekter Harmonie mit ihrer Umwelt leben in 3-D Optik.

Dass aber eine technische Brillanz allein noch keinen guten Film verspricht, die Erfahrung haben schon viele Autorenfilmer machen müssen. Nicht zuletzt der Deutsche Filmemacher Roland Emmerich mit seinen technisch beeindruckenden aber inhaltlich schwachen Untergangszenarien wie „The Day after Tomorrow“ oder „2012“. Das Grundgerüst von Avatar ist ein Mix aus Öko-Thriller und Karl May-Indianerfilm. Ein Volk kämpft für den eigenen Lebensraum mit ausweglosen Mitteln. Die Geschichte des Jake Scully, überzeugend und vielseitig verkörpert von Sam Worthington, erinnert stark an die Indianer-Filme und Figuren in „Der mit dem Wolf tanzt“ von Kevin Costner oder auch an Michael Manns „Der letzte Mohikaner“ (1992).

Ein Fremder muss sich finden in einem fremden Vok. Auch in Avatar bedarf es eines Anführers, eines Leaders, der von außen und damit nicht aus dem eigenen Volk kommt, um einen Krieg gegen einen übermächtigen Gegner zu kämpfen. `Ich zeige Euch, wie das funktioniert`. Dieser Kern der Geschichte ist ein Ärgernis!

Obwohl James Cameron mit seinen Bildern im ersten Viertel seines fast dreistündigen Opus´ immer wieder seine politische Aussage deutlich macht, dass ein gewaltfreies Miteinander möglich sein muss, kann er es nicht lassen, durch ständige Nahaufnahmen und späteres Aufzoomen von militärischen Geräten (Kamera stets in Bodennähe) die Kraft des Militärs zu heroisieren. Mit den Zerstörungsorgien, die eine Suche nach Bodenschätzen mit sich bringt, spielt er immer wieder auf amerikanische Militäreinsatze und nicht zuletzt auch auf den 11. September 2001 an, indem er einen wichtigen Lebensraum der Bewohner in sich zusammenfallen lässt. Hier fallen die Blätter wie einst das Papier aus dem Wolkenkratzer in New York. Auch der letzte Zuschauer dürfte mit diesen Szenen verstanden haben, dass Raubbau an der Natur nicht gut ist. Nein, nein. Der Krieg als Geißel der Menschheit.

Und die Geschichte bleibt so linear. Wer gut ist, bleibt gut, wer böse ist, bleibt böse. Die Story schlägt keine Haken. Cameron bleibt beim bekehrten Technokraten, die eigenen und fremden Augen von Jake Sully sind die Augen des Betrachters. Nicht nur Terrence Malick hatte hier mit seinem „The New World“ mehr Feingefühl bewiesen.

Zahlreiche Motive und Themen aus den bisherigen Filmen Camerons werden zitiert und neu arrangiert. Die Erfahrungen eines der besten Actionregisseure der Welt fließen in das Indianer-Öko-Abenteuer mit ein und werden in rund 300 Millionen Dollar teure Bilder umgewandelt. Dass diese auch einmal haarscharf am Eso-Kitsch vorbeischrammen, das Militär heroisieren, die Kraft der Natur wie eine bunte Unterwasserwelt aussehen lassen, ist der Tatsache geschuldet, dass Cameron natürlich massentaugliche, allgemein verständliche Bilder und Aussagen vermitteln und auch sein Geld wieder hereinholen möchte. Er weiß, dass das Kino seit je her ein Ort für technische Innovationen ist. Doch leider baut er seine Geschichte und Überzeugungen um neue Technologien herum und nicht umgekehrt. Die Zukunft des Kinos liegt nicht in ausschließlich in dieser neuen 3-D Technik, auch wenn Cameron die Messlatte wieder einmal sehr hoch gelegt hat, sie liegt auch in der guten, überzeugenden und emotionalen Geschichte, die mit dieser Technik transportiert werden muss.



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INHALT

Auf der Suche nach neuen Ressourcen stoßen die Menschen im 22. Jahrhundert auf den Planeten Pandora, der von den Navi bevölkert wird, drei Meter große Lebewesen mit blauer Haut. Da Menschen auf dem Planeten nicht atmen können, kommen Avatare zum Einsatz: Ersatzlebewesen in Navi-Form, die von ihren Besitzern gesteuert werden. Der querschnittsgelähmte Marine Jake Sully wird für das Programm ausgewählt. Er lernt die Navi Neytiri kennen und lieben und findet sich im Kreuzfeuer eines Krieges zwischen Menschen und Navi, die ihren Planeten verteidigen.
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Eure Kritiken zu Avatar – Aufbruch nach Pandora

  1. Filmfan

    10 Spots für die schnelle Berichterstattung! Wow, bin gespannt auf dieses technische Highlight! Inhaltliche Schwächen sind mir dabei fast egal 🙂

  2. Cineast

    Nur ein Wort: Atemberaubend! Nicht verpasen!

  3. Manni

    Die ersten zwei Stunden sind sehr ansehnlich, doch dann wird es ein ungewöhnliches Schlachten-getümmel, dennoch sehr beeindruckende Bilder.

  4. Anke

    Ein Meisterwerk, atemberaubend. Diese Bilderflut, wenn die Hauptfigur durch den Urwald des neuen Planeten streicht, ist ein Genuß für Aug und Ohr. Auf jeden Fall die 3-D Fassung genießen, denn die lässt auch die nicht immer glaubhafte Story verschmerzen.

  5. Udo

    Ja, irgendwann musste es ja mal sein: Eine Karte für die 3-D im engl OmU Version. Bebrillt und mit großer Vorfreude aber auch mit großer Skepsis, oder sagen wir besser – mit kritischem Betrachtunswillen – sitze ich im vollen Kinosaal. Und ja, es ist ein James Cameron-Film, mit allen Vor- als auch Nachteilen. Technische Bilder und – Verliebtheit, zwischenmenschliche Dramen und natürlich die große Love-Story, die in keinem Monumental-Epos fehlen darf. Später ist man ein wenig verstimmt ob des fast antiken Karl-May- Dances with Wolves Plots, doch im Großen und Ganzen schwer beeindruckt, weil Kino hier endlich wieder den Unterhaltungswert liefert, den kein im INternet heruntergeladener Film auf dem heimischen PC oder TV leisten kann.

  6. tine

    endlich mal gesehen, auf DVD … auch da sind die Bilder noch beeindruckend, man kann sich den 3D Effekt dazu denken … ich habe von diesem Film nix erwartet, dafür wurde ich positiv überrascht. spannend, schön zu schauen und auch noch mit politischer Botschaft. einmal reicht aber.

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