KRITIK

Ausnahmezustand

Ausnahmezustand In Hollywood glaubte man sich für den Krieg im eigenen Land bislang bestens gerüstet. Die gewieften Story-Strategen der Entertainment-Eliteeinheit spielen schließlich seit Jahren alle erdenklichen Katastrophenszenarien und Vergeltungsaktionen durch und haben mehr Erfahrung mit fanatischen Bombenlegern als die CIA. Unter dem Kommando der kalifornischen Anti-Terror-Taktiker stehen furchtlose Ein-Mann-Armeen wie Steven Seagal und Jean-Claude Van Damme, die jederzeit zur militärischen Mobilmachung bereit sind und den fiesen Fundis zeigen können, wo die Flagge weht. Was allerdings passiert, wenn all die Kampfsport-Köche und hartgesottenen Hausmeister die innere Sicherheit nicht mehr gewährleisten können, das mochte sich bis heute niemand ausmalen.
Eine Serie von blutigen Attentaten erschüttert New York City. Erst fliegt ein vollbesetzter Linienbus in die Luft, dann detoniert ein Sprengsatz in einer ausverkauften Broadway-Show, schließlich explodiert eine Bombe im FBI-Hauptquartier und fordert 600 Todesopfer. Die arabischen Täter sind nicht verhandlungsbereit, die örtliche Polizei und die Bundesbehörde zeigen sich machtlos. Noch während der FBI-Agent Anthony Hubbard und seine CIA-Kollegin Elise Kraft versuchen, den Mördern auf die Spur zu kommen, verhängt der Präsident den Ausnahmezustand über New York und überträgt die Befehlsgewalt dem kompromisslosen General Devereaux. Die Situation droht zu eskalieren.
Aufhänger dieser zündstoffreichen Geschichte ist die von den Amerikanern inszenierte Entführung eines turbantragenden Finsterlings, den man im Boulevard-Jargon wohl „Terror-Scheich“ nennen würde und der nicht von ungefähr an Usama BinLaden erinnert. Dennoch ist es müßig, weiter nach aktuellen Parallelen zu suchen, das Oklahoma-Trauma oder den Anschlag auf das World-Trade-Center herbeizuzitieren. Dem Regisseur Edward Zwick (Legenden der Leidenschaft; Mut zur Wahrheit) geht es nicht darum, Ängste vor den gewaltbereiten Dschihad-Mullahs zu schüren, im Gegenteil, er warnt vor überzogenen Reaktionen der US-Militärs, prangert die Waffenlieferungen der eigenen Regierung in die Krisengebiete an und bemüht sich rührend, auch die guten Araber zu zeigen. Erfreulich, wenn man bedenkt, was für einen plump-patriotischen Unsinn Zwick zuvor so gedreht hat.
Zwar sind die Fronten zwischen FBI, CIA und Streitkräften dabei gelegentlich undurchsichtiger als die Situation im Nahen Osten, aber etliche Momente dieses hervorragend gespielten, sparsam mit Schocks arbeitenden Polit-Horrors prägen sich nachhaltig ein: Panzer, die über die Brooklyn-Bridge donnern, zu Kasernierungslagern umgebaute Sportstadien, in denen Unschuldige zusammengepfercht werden. Der exzellente Kameramann Roger Deakins taucht diese Szenen wie fast den ganzen Film in ein fahles, kaltes Licht, das die Atmosphäre noch authentischer erscheinen läßt. Zwicks Anti-Utopie hebt sich dadurch so wohltuend von sonstigen Paranoia-Produktionen ab, dass man ihm sogar sein moralinsaures Ende verzeiht. Patrick Wildermann



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INHALT

Eine Reihe von Terroranschlägen erschüttert New York City. Unbekannte kidnappen und sprengen einen vollbesetzten Bus, nehmen Schulkinder als Geisel und lassen eine Bombe während einer prominent besuchten Broadway-Premiere detonieren. FBI-Agent Anthony Hubbard ermittelt fieberhaft, kommt den Drahtziehern der Attentate aber nur langsam auf die Spur. Die Geheimdienstagentin Elise Kraft, die immer wieder Hubbards Untersuchungen kreuzt, weiß dagegen offensichtlich mehr, als sie zugibt. Nach einem weiteren verheerenden Anschlag verhängt die Regierung schließlich das Kriegsrecht: Unter der Führung von General William Deveraux besetzt das Militär die Stadt und beginnt mit der Internierung der arabischstämmigen Bevölkerung...
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