KRITIK

Atmen

Plakat zum Film AtmenJugendliche Gewalttäter, die Outlaws, sind Lieblingsfiguren des Kinos. Die zu erwartende Falltiefe respektive –höhe einer Figur, deren charakterlichen Widersprüche, Aggressivität und Attitüden faszinierten schon unzählige Filmemacher. In die Reihe der Truffauts, Godards und Audiards hat sich jetzt ein weiterer dazugesellt: Karl Markovics. Als Schauspieler ein Star in Film („Die Fälscher“) und Fernsehen („Kommissar Rex“) hat der Österreicher jedoch für seine erste Regiearbeit einen ganz eigenen Zugang zu der Figur des Outlaw entwickelt. „Atmen“ ist weniger die Geschichte nach dem „Warum?“ sondern vielmehr die Geschichte nach dem „Was dann?“ Keine Eskalation also, sondern eine Befriedung, hier, die Geschichte einer Bewährung. Damit hat es der Debütant geschickt vermieden, sich epigonal mit seinen „Regie-Vorgängern“ oder gar mit seinem wirkmächtigen Landsmann Michael Haneke vergleichen lassen zu müssen.

Szene aus dem Film AtmenUnerzählt bleibt so auch die Vorgeschichte: Eine Rauferei unter Heimkindern. Ein Unfall, zwei, drei Mal zu heftig zugeschlagen, ein falscher Jugendrichter und das Schicksal war besiegelt. Roman (Thomas Schubert), 19 Jahre alt, hatte bisher wenig Glück in seinem Leben. (Hier setzt Markovics seine Klammer.) Acht Jahre Jugendstrafgefängnis wegen Totschlags. In seinem stoischem Gesichtsausdruck und störrisch-ausweichendem Verhalten spiegelt sich Romans trostlose „Karriere“: Kinderheim, Jugendheim, Jugendstrafanstalt. Von der Mutter früh verstoßen, fällt ihm Zwischenmenschliches äußerst schwer. Zahlreiche Versuche, ihn in Ausbildungsbetrieben unterzubringen, scheitern kläglich.

Durch Zufall stößt Roman auf Drängen seines bemühten Sozialarbeiters (Gerhard Liebmann) auf eine Stellenanzeige, Bestattung Wien, Abholdienst. Das will er machen. „Das ist doch nicht dein ernst, Roman“ gibt ihm sein Sozialarbeiter zu bedenken. Doch schon in der nächsten Szene, am frühen Morgen, lässt Roman seine Zelle hinter sich und macht sich auf zur Arbeit. Auch hier ist er zunächst noch der Jugendstraftäter. Er wird noch mehr gemaßregelt und gefordert. Szene aus dem Film AtmenDann nur wenig später die Schlüsselszene des Films: Nach einer kurzen Rangelei mit seinem Kollegen Rudolf (überzeugend: Georg Friedrich) muss eine ältere Dame – in der Nacht zuvor verstorben – „bestattungstauglich“ gemacht werden. Dem Duo bleibt eine halbe Stunde Zeit, um die Dame zu entkleiden, zu waschen und wieder anzuziehen. „Am besten etwas dunkles“ gibt die aufgelöste Tochter der älteren Dame zu verstehen, die derweil im Hausflur wartet und von einem dritten Kollegen beruhigt wird.

Roman ist von der Anmut und Würde, mit der sein vorlauter Kollege die Leiche wäscht, überrascht. So viel Zärtlichkeit hatte er nicht erwartet. Kameramann Martin Gschlacht folgt dem Handwerk hochrealistisch, sehr genau aber auch sehr pietätvoll. Die Szenen bekommen bei ihm fast etwas „Heiliges“. Selten hatte sich bisher in einem deutschsprachigen Film eine filmische Realität der Wirklichkeit so sehr angenähert. Mit dieser Szene weckt Markovics Erinnerungen an den in 2009 oscarprämierten Film „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“ von Yojiro Takita. Das, was Takita in 131 Minuten beschreibt, destilliert Markovics auf nur wenige Sekunden – mit dem gleichen Effekt. In wenigen Sekunden, später Stunden, Tagen lernt Roman, was Verlust, Würde und Pietät bedeuten. Ein innerer Akt der Befriedung bricht sich Bahn. Der trübe, meist nasskalte Wiener Winterhimmel klart auf. Die Hoffnung auf Besserung ist zum Greifen nah.

„Atmen“ ist nicht nur Dank dieser Szene ein herausragendes, niemals rührseliges aber sehr feinfühliges Regiedebüt. Mit seiner treffsicheren Wahl filmischer Stilmittel (Short Cuts, lange Einstellungen etc) und der herausragenden Arbeit seines Kameramanns Martin Gschlacht gelingt Karl Markovics einer der besten deutschsprachigen Filme des Jahres 2011. Nicht verpassen!

  

 



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