KRITIK

Arrival

Bild (c) 2016 Sony Pictures Releasing.

Bild (c) 2016 Sony Pictures Releasing.

Was tun, mit Ereignissen, die wir nicht sofort verstehen? Wie reagieren? Wie kommunizieren wir das Geschehnis? Während wohl den meisten von uns erst einmal die Sprache wegbleibt (man erinnere an 9/11, Einmarsch in den Irak, Ölkatastrophe vor Alaska, etc.), suchen Wissenschaftler sofort nach Lösungen. Erst recht, wenn das Ereignis mit einer Invasion Außerirdischer zu tun hat. Basierend auf der 1998 veröffentlichten und mehrfach ausgezeichneten Kurzgeschichte „Story of Your Life“ von Ted Chiang erzählt Eric Herisserer, zusammen mit Regisseur Denis Villeneuve, vom Ereignis eines ersten Kontakts. Und vom Versuch, eine Kommunikation aufzubauen. Pseu­do­wis­sen­schaft­lich und quasi­do­ku­men­ta­risch ist also auch „Arrival“ – wie so viele andere Sci-Fi-Filme vor ihm, die von einer Invasion Außerirdischer erzählen („Independence Day„, „District 9„, „Krieg der Welten„) – mit dem großen Unterschied, dass der Grund der Invasoren, ausgerechnet die Erde zu besuchen, zunächst unklar bleibt.

Genau diesen Grund soll eine Wissenschaftlerin herausfinden. Genau genommen sind es natürlich mehrere Wissenschaftler, aber Eric Heisserer und Denis Villeneuve stellen, basierend auf der Kurzgeschichte von Chiang, die Linguistik-Professorin Louise Banks, gespielt von Amy Adams, ins psychologische Zentrum des Geschehens. Sie eröffnen ihren Film mit einem Flashback. Die kurze, schnell geschnittene Exposition stellt die Mutter Louise Banks vor, wie sie mit ihrer Tochter im Garten spielt. In diesem kurzen Auftakt soll die menschliche Seite der Wissenschaftlerin skizziert werden: Achtung, liebe Sci-Fi-Fans, die Hauptfigur ist eine Frau, mit Gefühlen, sie lacht, sie liebt und ja… sie leidet auch. Denn die Tochter der Wissenschaftlerin stirbt im Alter von 14 Jahren an Krebs. Das Bild der trauernden Mutter am Bett ihrer kahlköpfigen Tochter wird noch öfter im Film zu sehen sein.

Szene_Arrival_AdamsDieser geschickte kleine Auftakt ebnet gekonnt die Fallhöhe für den weiteren, in erster Linie sehr kühlen, wissenschaftlichen Fortlauf des Geschehens: Als Professorin Banks eines Morgens im Hörsaal auf ihr arg ausgedünntes Auditorium blickt, wird sie gebeten, die Nachrichten einzuschalten. In der Wildnis von Montana und an elf weiteren Orten auf der Welt sind in der Nacht außerirdische Raumschiffe gelandet. Verletzte oder Tote sind nicht zu beklagen. Und der Grund für das Auftauchen der schwebenden, halb-ovalen Artefakte bleibt zunächst ebenso unklar. Noch am nächsten Tag wird Louise Banks von einem US-Offizier (Forest Whitaker) gebeten, mit den Außerirdischen Kontakt aufzunehmen.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist nur bekannt, dass es Leben in den Raumschiffen zu geben scheint. Offizier Weber (Whitaker) spielt der zunächst ebenso perplex wie faszinierten Wissenschaftlerin eine kurze Tonsequenz vor, mit der Frage, ob dies eine Art von Kommunikation sei. Durch eine List gelingt es ihm dann, die Linguistin (zusammen mit einem Physiker, gespielt von Jeremy Renner) nach Montana zu lotsen, um dem Code auf den Grund zu gehen. Auf einer mobilen US-Basis in Montana, direkt am schwebenden Raumschiff der Aliens, werden die Wissenschaftler in Empfang genommen, um mit allen nötigen Sicherheitsvorkehrungen in den nächsten Tagen zu versuchen, Kontakt mit den Außerirdischen aufzunehmen.

Szene_Arrival_RaumÄußerst geschickt hatte Regisseur Villeneuve bis zu diesem Zeitpunkt den „emotionalen Teppich“ für ein Aufeinandertreffen zwischen Mensch und außerirdischem Wesen bereitet. Ein Aufeinandertreffen, das die Filmhistorie bereits zu Genüge und in den verschiedensten Spielarten kennt. In der Verfilmung des Kanadiers wird also eine trauernde Mutter zur Stellvertreterin der Zuschauer bei der Kontaktaufnahme. Anders als die zahlreichen Ellie Arroways (Jodie Foster in „Contact“) oder Lt. Ripleys (Sigourney Weaver in „Alien“) vor ihr, ist die Linguistik-Professorin verständlicherweise weniger taff und mit weit weniger Herorismus behaftet. Jedoch mit mindestens ebenso viel Ehrgeiz. Diese Konstellation mit „neu“ oder „noch nie dagewesen“ zu betiteln zeugt in erster Linie von Unkenntnis und wäre im schmeichelhaftesten Fall mit einer Verblendung zu entschuldigen, die zum einen Amy Adams Leistung hervorhebt, den zahlreichen weiblichen Protagonistinnen innerhalb des Genres zuvor jedoch nicht gerecht wäre.

Szene_Arrival_Adams_BergFür die Verblendung könnte auch der bedrochliche Klangteppich gesorgt haben, der einmal mehr von Villeneuves Stamm-Komponist Jóhann Jóhannsson stammt. Und der bereits bei Auftauchen der Raumschiffe auf der Erde derart tiefe, bedrohliche und martialische Soundeffekte von der Tonspur entlässt, dass jeder Zuschauer die Raumschiffe für eine Bedrohung halten MUSS. Obwohl es bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Hinweise auf bedrohliche Handlungen gibt, die in irgendeiner Weise als feindlich interpretiert werden könnten. Umrahmt werden diese Klänge von teils bedrückend schönen Meditationen in Grau durch den Kameramann Bradford Young („Selma“, „A Most Violent Year“). Unklar bleibt jedoch, warum die Raumschiffe wie schwedische Lakritz-Drops aussehen. Und warum es ausgerechnet zwölf sein müssen?

Sci-Fi-Fans, die den Film bereits mit „2001 – Odyssee im Weltraum„, einem epochalen Meisterwerk von Stanley Kubrick vergleichen, diesen Fans darf zu Recht die Frage gestellt werden, wie sich denn ein Raumschiff, das mit einer Außenhaut aus Granitstein versehen ist, der Schwerkraft der Erde widersetzt? Ohne Antrieb? Ohne jegliche Öffnungen? Aber ich will bei den zahlreichen physikalischen Ungereimtheiten, von denen der Film eine Vielzahl besitzt, nicht kleinlich werden. Der detailverliebte Stanley Kubrick jedoch hätte sich bei diesem Sci-Fi-Mumpitz sicherlich im Grabe umgedreht; hätte man ihn vor dem Hintergrund dieser Film-gewordenen Metapher auf die physikalische Plausibilität hin angesprochen.

Szene_Arrival_Adams_SchildAbseits dieser Kleinigkeiten wird die weitere Vorgehensweise, und zwar das Erzählen an sich, zum viel großeren Ärgernis. Ein Ärgernis, das jedem Filmkritiker mit Verständnis für Spannungsaufbau, Rhythmus und Handlungsverlauf einer Erzählung die Zornesröte ins Gesicht treiben sollte: Von der Perfidität, eine Figur mit Malick´haften elegischen Bildern, anhand einer „Trauer-Kurzgeschichte“ einzuführen, und damit für die nötige emotionale Fallhöhe zu sorgen, einmal abgesehen, wird die Kurzgeschichte von Ted Chiang, auf dem der Film basiert, im Mittelteil so dermaßen künstlich „aufgeblasen“ und gestreckt, dass diese Vorgehensweise normalerweise Filmhochschülern als „Negativ-Beispiel eines rhythmisch stringenten Handlungsverlaufs“ dargeboten werden müsste:

Die Kontaktaufnahme mit den Aliens geschieht durch eine Klappe, die sich alle 18 Stunden am unteren Ende des Raumschiffes öffnet. Durch einen tunnelartigen Gang, indem auf halber Strecke die Schwerkraft aufgehoben wird (sic! – warum?), gelangen die Wissenschaftler in einen dunklen, granitumwandeten Raum, indem in einer Himmelsrichtung die Korrespondenz mit den Aliens durch eine große Glasscheibe möglich gemacht wird. Natürlich ist es Louise Banks, die sich – stets verängstigt atmend – den Aliens stellt. Und weil ein Austausch über die mündliche Sprache durch eine dicke Glasscheibe nachvollziehbar schwer möglich ist, bedient sich die Linguistik-Professorin eines einfachen Hilfsmittels: Sie schreibt ihre Wörter auf eine Tafel.

Szene_Arrival_ZeichenDieser Vorgang, Beachten der Sicherheitsvorkehrungen, Gang durch den schwerelosen Tunnel, der Versuch einer Annäherung durch visuelle Kommunikation, die schließlich zu ersten Erfolgen führt, dieser Vorgang wird so oft wiederholt, dass selbst den weniger intelligenten Kinobesuchern schnell klar wird: Eine Annäherung bedarf einer gewissen Geduld. Bei Villeneuve jedoch wird dieser repititive Prozeß zum Ärgernis, weil er so oft wiederholt wird, dass der Anschein entsteht, man müsse die Zeit füllen. Ein absolutes „No Go“! Und warum bei diesem Prozeß stets ein Vogel in einem Käfig zugegen ist und dieser im Raum sein muss, warum die ersten Zeichen, die die so genannten Heptapods an die Glasscheibe malen, auf dieser haften bleiben, warum die Heptapods aussehen, als hätte man sie aus den Filmkulissen von Gareth Edwards „Monsters“, Steven Spielbergs „War of the World“ oder Christopher Barrys TV-Serie „Die Dreibeinigen Herrscher“ entliehen – all das sind Fragen, die unbeantwortet bleiben. Und schlimmer noch, die ein Gefühl evozieren, dass es sich dabei um die billige Verpackung eines zugegeben ehrenwerten Inhaltes handelt.

Szene_Arrival_HeptapodsUnverständlich zudem, dass – ohne zu viel zu spoilern – mit Elementen des linearen Erzählens durch Aufhebung der vierten Dimension hantiert wird, – dass eine weltweite Einigkeit, einem außerirdischen Phänomen zu begegnen, natürlich im Prozeß von „alten Verdächtigen“ (China, Russland) torperdiert wird, – dass Verschwörungstheoretiker einmal mehr zu dummen und unlogischen Handlungen aufrufen, … all dies sind Ingredienzien, die das Genre kennt. Und zwar seit Jahrzehnten. Sie sind angestaubt. Denis Villeneuve hat sich dieser Bausteine bedient, um eine eine Kurzgeschichte anzufüttern, die zwar ziemlich genial Hard Science Fiction mit Gefühl und Romantik verbindet, aber eine bessere Verpackung verdient gehabt hätte.

Villeneuve zeigt sich vielmehr am Konflikt interessiert als an der Verständigung. Wie zuvor in „Sicario“ verliert er erneut das Ziel aus den Augen. Hier die Aussage, dort die Figur. Wie es zu einer gemeinsamen Sprache kommt, wie eine Einigkeit entsteht? – Keine Antwort(en). Clever ist allerdings, dass man sofort das Gefühl bekommt, Versatzstücke, Lücken, Zeitsprünge und unzählige Dopplungen seien sorgsam arrangiert. Am Ende verlässt man das Kino mit dem Gefühl, aus einem großen Filmrätsel entlassen worden zu sein. Ohne großes Weltzerstörungsgewitter. Oder eben aus einer gut verpackten Kurzgeschichte, umhüllt und angefüllt mit zahlreichen Versatzstücken, die im Sci-Fi-Regal vor sich hin staubten. Neu ist das Alles jedoch nicht.

 

 

Kritikerspiegel Arrival



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, dramadandy.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
6.5/10 ★★★★★★½☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

Merken

Merken

Merken

Merken



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Arrival

  1. Swen

    Vorab: Ich habe den Film noch nicht gesehen.

    Der Vogel scheint mir ein Bio-Indikator zu sein, genau wie die Kanarienvögel die in Bergwerken eingesetzt wurden. Fiel der Vogel tot um, wusste man, dass entweder die Sauerstoffkonzentration zu niedrig ist, oder giftiges Grubengas entweicht.

    Der Verweiss auf die vermeintlich fehlende Erklärung der Technik hinter den Raumschiffen die „Ohne Antrieb“ schweben. Supraleiter können auch ohne Antrieb schweben. Tatsächlich hat sich der Phsiker Stephen Wolfram, der Berater für den Film war, Gedanken gemacht, wie die Raumschiffe funktionieren könnten. Nachlesen kann man das in seinem Blog.
    Der Verweis auf den sich im Grab drehenden Stanley Kubrick passt meiner Meinung nach auch nicht. 2001 basiert auf einem Buch von Arthur C. Clarke. Eines der Clarkschen Gesetze besagt: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Zumal auch 2001 randvoll mit implausiblen Dingen voll ist. Und seit wann ist es wirklich wichtig für einen guten Film, dass alles technisch plausibel ist?

  2. Christian

    Hallo @Swen,

    vielen Dank für deinen Kommentar!

    Der Vogel im Film bekommt nun eine Bedeutung. Auch mit dem Thema „Supraleiter“ hatte ich mich zugegeben noch nicht beschäftigt.

    Aber wenn Du dir den Film ansiehst, und ihn dann mit „2001 – Odyssee im Weltraum“ von Kubrick vergleichst, wirst Du feststellen, dass evtl. Vergleiche hinken.

    Und es ist sicherlich nicht elementar wichtig, dass „alles technisch plausibel“ ist. Aber eine gewissen Sorgfalt bei den Ideen, die Sci-Fi-Filme vortragen, ist mir ab einem Budget von mehr als 100 Mio. Dollar schon nicht ganz unwichtig.

    Zudem hatte ich auch hinsichtlich des Handlungsverlaufes, der indifferenten Charakterzeichnung (Renner, Whitaker und Co.) sowie der omnipräsenten Musikuntermalung so meine Probleme mit dem Film.

    Aber, wie gesagt, wenn Du ihn erst gesehen hast, dann wirst Du meine Kritikpunkte vielleicht nachvollziehen können.

    Mit cineastischen Grüßen, C.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*