KRITIK

Arrhytmia

Plakat zum Film Arrhytmia.

Bild (c) 2017 déjà-vu Filmverleih.

Oleg und Katya. Katya und Oleg. Ein russisches Pärchen um die 30, Arbeiterklasse, trotz höchst anspruchsvoller Jobs, er als Notarzt tagtäglich mit den Rettungssanitätern auf Achse, sie in der Notaufnahme, beide retten Leben und vernachlässigen ihr gemeinsames. Auf der Geburtstagsfeier ihres Vaters schickt Katya Oleg eine Textnachricht, dass sie die Scheidung will. Oleg hat mal wieder einen über den Durst getrunken, vielleicht teilt sie ihm ihre Entscheidung deshalb auf diesen Weg mit, obwohl er nur wenige Meter entfernt sitzt. Vielleicht ist sie sich auch selbst nicht wirklich sicher und dieses schwarz-auf-weiß auf dem Display gibt ihr irgendeine Form von Sicherheit.

Die titelgebenden Herzrhythmusstörungen dieser Beziehung bilden den Rahmen für eine kluge und lebensnahe Beobachtung sogenannter einfacher, normaler Leute mit ihren alltäglichen Problemen und kleinen Triumphen, gänzlich unspektakulär und dabei umso erkenntnisreicher. Und nebenbei erzählt „Arrhythmia“ von der prekären Situation eines Gesundheitssystems am Anschlag und seiner Reform, die mehr Effizienz zu bringen verspricht und dabei die Menschen, sowohl die Patienten wie auch die Pflegenden, vergisst. Ähnlich den Working-Class-Filmen des britischen Kinos von Ken Loach bis Mike Leigh behält Boris Chlebnikow den Blick für die Balance zwischen Tragik und Komik und die feinen Nuancen dazwischen.

Szene aus dem Film Arrhytmia.Dass dieser Spagat gelingt, hat viel mit seinen beiden Hautdarstellern zu tun, die ihre Rollen mit entwaffnender Natürlichkeit auskleiden. Während Alexander Jatsenko, der sowohl an den jungen Jörg Schüttauf als auch an das zuletzt arg verschüttete Talent eines Matthias Schweighöfer zu „Kammerflimmern„-Zeiten erinnert, bereits sechsmal mit Chlebnikow zusammenarbeitete und nun unter anderem beim Festival in Karlovy Vary als bester Darsteller ausgezeichnet wurde, brilliert die junge Irina Gorbatschowa gleich in ihrer ersten Hauptrolle. Ihre Katya ist hin- und hergerissen in ihrer Zuneigung zu dem liebenswerten Chaoten Oleg, ihre Scheidungs-SMS mehr ein Hilferuf als eine zu Ende gedachte Entscheidung mit all ihren Konsequenzen.

Denn eigentlich sind die beiden ein tolles Paar und wir können uns nur wünschen, dass sie es schaffen, ihre Dissonanzen zu überwinden, ihre Fehler und Beschädigungen eingestehen, denn erst diese Makel machen sie zu den Persönlichkeiten und Helden ihrer eigenen Leben. Über solche Alltagshelden hat Boris Chlebnikow einen kleinen, ziemlich großen Film gemacht. Ab 19.04. in ausgewählten Kinos!

 



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