KRITIK

Anonyma – Eine Frau in Berlin

Anonyma - Eine Frau in Berlin Als das Buch erstmals in Deutschland erschien, da passte es nicht in die Zeit. In der DDR war man Ende der 50er Jahre schon zu verbrüdert mit dem großen Sowjetvolk, um diesen Bericht einer anonymen Autorin über die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee im Nachkriegsberlin zur Kenntnis zu nehmen. Und in der BRD zu sehr mit dem Wirtschaftswunder beschäftigt, um zurückzuschauen.

Die vor Sarkasmus und Überlebenswitz sprühenden Tagebuch-Aufzeichnungen der Anonyma verschwanden in der Versenkung, erst 2003 wurden sie unter dem ursprünglichen Titel „Eine Frau in Berlin“ von Hans Magnus Enzensberger neu aufgelegt – mit Erfolg. Es schlossen sich ein paar Feuilleton-Debatten an über das Tabu Vergewaltigung, über die Publikationsgeschichte der Notizen, über den Opferstatus der Deutschen – aber die wirkten verspätet.

Regisseur Max Färberböck („Aimée und Jaguar“) bringt den Bericht der Anonyma nun zusammen mit dem „Boot“-Produzenten Günter Rohrbach auf die Leinwand. Nina Hoss spielt die Heldin, die sich nach etlichen Schändungen einen hochrangigen russischen Offizier als Beschützer sucht, und sie hat eine Menge starker Szenen, sie trägt die Geschichte. Aber man fragt sich auch, ob es im deutschen Film wirklich keine Nachwuchsgesichter gibt. Und ebenso, warum Färberböck diese Zweckbeziehung zu einer Liebesgeschichte verkitscht. Vermutlich, weil „Anonyma“ noch als Event-Zweiteiler im Fernsehen ausgewertet wird. Deswegen fährt die Hoss auch so oft zu dramatischer Musik Fahrrad durch Trümmerkulissen, wie man sie aus vielen deutschen Weltkriegsfilmen kennt.

Es gibt eine Passage in der literarischen Vorlage, die einmal mehr ganz beiläufig und lakonisch erzählt ist und die einem gerade deshalb den Atem raubt: Da zerren die russischen Soldaten an einer jungen Frau, und der deutsche Nachbar, der aus dem Fenster schaut, fordert das Opfer auf, doch einfach mitzugehen, sie gefährde sonst noch alle.

Die Szene kommt auch bei Max Färberböck vor, aber nur, weil sie im Buch steht. Hätte er diesem Ungeist wirklich nachgespürt, hätte sein braver Film die Brücke ins Heute schlagen können. Es wäre die Chance gewesen, von der totalen Entsolidarisierung einer Gesellschaft zu erzählen, gleichsam von all den Bürgerkriegen weltweit, in denen Vergewaltigung als Waffe eingesetzt wird. So aber bleibt „Anonyma“ eine Bestsellerverfilmung, die unterhaltsam funktioniert und nichts zu sagen hat.



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INHALT

Beim Einmarsch der Roten Armee April 1945 in Berlin gehört Anonyma, eine weitgereitse Fotografin und Journalistin, zu den Frauen, die von Russen vergewaltigt wird. Um nicht Opfer vieler weiterer Männer zu werden, sucht sie sich einen Beschützer und findet ihn im melancholischen Major Andrej, einem belesenen und Klavier spielenden Feingeist.
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