KRITIK

Anomalisa

Plakat_AnomalisaMit Identitätsverwirrungen kennt sich der US-Amerikaner Charlie Kaufman bestens aus: In „Being John Malkovich“ schlüpfte der kultisch verehrte Drehbuchautor in den Kopf eines Schauspielers, in „Adaption“ (in beiden Filmen saß Spike Jonze auf dem Regiestuhl) machte er sich selbst zum Protagonisten – in doppelter Ausführung. Konstruktivisten und Psychologen haben ihre helle Freude an Kaufmans Gedankenwelten. Sein jüngstes Werk entstand unter eigener Regie – als kafkaesker Puppentrickfilm in Stop-Motion-Technik, dreijährige Drehzeit inklusive.

Im Mittelpunkt steht ein Motivationsredner (ausgerechnet!) in der Midlife-Crisis, umzingelt von gesellschaftlicher Einöde. Außer diesem Michael Stone selbst (Stimme im Original: David Thewlis), der da eines Abends auf Geschäftsreise in einem Hotel in Cincinnati eincheckt, tragen alle Figuren dasselbe emotionslos freundliche Gesicht. Co-Regisseur und Puppentrick-Spezi Duke Johnson ließ es tausendfach per 3D-Drucker fertigen und setzte es vom Hotelbesitzer bis zur Ex-Geliebten allen Puppen auf. Auch sprechen sie alle, egal ob männlich oder weiblich, Greis oder Kind, mit derselben, emotionslos freundlichen Stimme. Ein irritierender Effekt.

Szene_AnomalisaDann tritt sie aber doch auf, die Ausnahme von der Regel, die Anomalie: Mit der unsicheren Lisa (individuelles Gesicht, individuelle Stimme, im Original gesprochen von Jennifer Jason Leigh, die bald im neuen Quentin Tarantino Film „The Hateful Eight“ zu sehen ist) verbringt er die Nacht im Hotel, es kommt zur liebevoll animierten Stop-Motion-Sexszene, doch schon beim Frühstück verliert diese Anoma-Lisa für Michael ihren Reiz.

Man kann „Anomalisa“ als bebilderte Psychose lesen, als surrealen Traum oder als Kritik an einer Gesellschaft, die sich in konsumistischer Uniformität eingerichtet hat und das gar nicht schlimm findet. In jedem Fall ist dies ein bemerkenswerter Trickfilm, der nicht nur deshalb aus dem Rahmen des Genres fällt, weil er sich an Erwachsene richtet, sondern auch seiner ungewöhnlichen Ästhetik wegen, die den Alltagsrealismus der Erzählung auf verstörende Weise aus dem Ruder laufen lässt. Soeben ist Charlie Kaufmans Krisenpuppenstube für den Oscar als bester Animationsfilm nominiert worden. Zu Recht. Herausragend. Nicht verpassen!

 

 

Kritikerspiegel Anomalisa



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
10/10 ★★★★★★★★★★ 


Stefan Turiak
WIDESCREEN, triggerfish.de
10/10 ★★★★★★★★★★ 


Durchschnitt
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


 

Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*