KRITIK

Angst essen Seele auf

„Wir werden reich sein, Ali…“

Nicht nur wegen seiner zentralen Stellung in Fassbinders Werkkatalog, sondern auch aufgrund seiner Thematik ist „Angst essen Seele auf“ ein Film, der trotz seiner vermeintlich klaren historischen Verortung heute aktueller erscheint denn je. Inmitten seiner Douglas Sirk-Phase fungiert das Drama, nicht nur als Verbeugung vor der Meisterschaft seines Vorbilds, sondern auch als großartiger Rezipient dessen Schaffens: Den feinen Zynismus eines WAS DER HIMMEL ERLAUBT, der im Mantel des kitschigen Melodrams mit der amerikanischen Vorort-Gesellschaft abrechnete (zum immer wieder genießen: Der Damhirsch), überführt Fassbinder dabei ins deutsche Arbeitermilieu der 60er- und 70er Jahre, und beraubt ihm seiner hollywoodesken Konsumierbarkeit.

In schmucklos-tristen Bildern seziert der Film (dessen Arbeitstitel „Alle Türken heißen Ali“ fast noch besser gepasst hätte) dabei nicht weniger als den deutschen Kleingeist und die Probleme eines Zuwanderungslandes, das mental noch immer auf Abschottung zu setzen scheint. Der Blick von Fassbinder, der sich selbst in der Bürgergesellschaft, die ihn umgab, nie wirklich wohl fühlte, ist ein pessimistischer; auch, oder gerade weil eine ungleiche Romanze als Aufhänger seiner Geschichte dient. Die Liaison von deutscher Putzfrau und marokkanischen Gastarbeiter (großartig: Brigitte Mira und El Hedi ben Salem) ist bei ihm kein Hort der Wärme, sondern eine aus der Not geborene Zweckgemeinschaft zweier einsamer Seelen, und selbst das schlussendliche Zusammenfinden scheint eher auf Gewöhnung denn Liebe zu fußen, und steht unter keinem guten Stern.

Besser kann man einen universellen Stoff nicht adaptieren und spezifizieren. Ein wichtiger Film, der seine Zuschauer aufgrund der Gewissheit, kein längst vergangenes Zeitgeistdokument, sondern eine auch heutzutage noch wahre Problemstudie gesehen zu haben, mit einem unwohlen Gefühl in Magen und Kopf entlässt. Ein Meisterwerk.

 



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