KRITIK

Angel – Ein Leben wie im Traum

Angel - Ein Leben wie im Traum Wo steht geschrieben, dass einen die Realität zu interessieren habe? Angel Deverell (Romola Garai) verweigert sich schon früh der schnöden Wirklichkeit, ihrer Herkunft als Tochter einer ärmlichen Gemischtwarenhändlerin im England des 20. Jahrhunderts etwa, und erschafft sich, noch nicht einmal erwachsen, ihre eigene literarische Fantasiewelt, in der sie gänzlich aufblüht.

Von welch kitschseliger Geistesschlichtheit die Liebesgeschichten der jungen Angel sind, steht auf einem anderen Blatt, doch überzeugt das Mädchen kraft seiner unerschütterlichen Selbstgewissheit bald den Londoner Verleger Théo (Sam Neill), ihr Werk zu drucken, ohne auch nur einen Buchstaben zu ändern.

Bedenken perlen an Misses Deverell ab wie der Spott der Verlegerfrau Hermione (Charlotte Rampling), die ohne Mühe erkennt, dass ihr Mann sich in diese Courths-Mahler-Epigonin verguckt hat. Indes, das Buch wird auf Anhieb ein Bestseller, was am wenigsten Angel verblüfft, die nun ihr Traumhaus erwerben kann, das Anwesen „Paradise House“.

Umsorgt von der devoten Nora (Lucy Russell) schreibt Angel fortan Erfolg um Erfolg. Allein im so genannten echten Leben will nichts glücken: Ihre Liaison mit Noras Bruder, dem melancholischen Maler Esmé (Michael Fassbender) steht unter keinem guten Stern, zumal sich dieser Schöpfer düsterer, ungleich authentischerer Welten bei Ausbruch des ersten Weltkriegs freiwillig an die Front meldet und ein Bein verliert. Angel erleidet derweil eine Fehlgeburt, und auch im Schaffen gerät sie in die Krise, seit sie sich entschlossen hat, gegen den Krieg, die Politik anzuschreiben. Wolken im Paradies…

François Ozon, sicherlich einer der besten französischen Regisseure der Gegenwart, hat sich von Beginn an nicht auf ein wiederkehrendes Genre, eine Lieblingsgattung festlegen wollen. Da stehen in seinem Werk ironisch funkelnde Musical-Hommagen wie „8 Frauen“ neben betont spröden, kriminalistischen Ehedramen wie „Unter dem Sand“.

Klar, im Herzen sind die Filme des Fassbinder-Verehrers melodramatisch – und meist ebenso kunstvoll wie artifiziell. Auch „Angel“, eine tiefe Verbeugung vor Sirks Dramen der 40er, strahlt die Kälte des Zitats aus. Aber gleichsam erzählt der Film staunenswert viel über den Hiatus zwischen Kunst und Leben.



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INHALT

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelingt es der aus einfachsten Verhältnissen stammenden Angel Deverell, als Schriftstellerin Fuß zu fassen. Dank ihrer außergewöhnlichen Vorstellungskraft werden ihre Bücher zu Ereignissen, die auch in der Oberschicht der britischen Gesellschaft auf Begeisterung stoßen. Mit einem Mal stehen Angel Tür und Tor offen. Doch das Glück währt nicht lange.
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Eure Kritiken zu Angel – Ein Leben wie im Traum

  1. Manni

    Ein ozon-Film lohnt sich immer. So auch dieser. Hier gibt es etwas mehr Kitsch, eine prächtige Ausstattung, sehenswerte Kostüme. Wer darauf steht, Film nicht verpassen…

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