KRITIK

Anduni – Fremde Heimat

Plakat zum Film Anduni Fremde HeimatMit Erscheinen dieses Films in den deutschen Kinos ist der Festakt zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen der deutschen und der türkischen Regierung nur wenige Wochen alt. Das 1961 in Bad Godesberg unterzeichnete Abkommen führte zur Einwanderung türkischer Gastarbeiter in die Bundesrepublik Deutschland. Zur Zeit leben etwa 2,5 Millionen Türken in Deutschland. „Deutschland ist für die Türken keine fremde Heimat mehr„, betonte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bei seiner Rede in Berlin. Aber was ist eigentlich Heimat? Geht es nach Karin Kaci, Drehbuchautorin von „Anduni – Fremde Heimat“ und gebürtige Kölnerin, trägt jeder seine Heimat im Herzen. Nur um dies zu erkennen, muss das Herz ´frei´ sein. Kaci schickt dafür ihre Protagonistin Belinda, Studentin und Kölnerin mit armenischen Wurzeln, in die Geburtsstadt ihrer Eltern, in die Türkei.

Als ihr Vater stirbt, wird Belinda (Irina Potapenko) mehr und mehr mit der skurrilen Welt ihrer armenischen Familie konfrontiert, mit der sie eigentlich kaum etwas am Hut hatte. Denn die Sprache ihrer Eltern spricht sie schon lange nicht mehr. Belinda studiert in Köln und will endlich mit ihrem Freund Manuel (Florian Lukas) zusammenziehen. Gleichzeitig suchen Mutter und Tanten, die sowohl die Familie, als auch die ethnische Identität, Kultur, Werte und das Vermögen zusammenhalten wollen – gerade im Ausland – für sie einen passenden armenischen Mann. Beziehungen mit den „verschwenderischen, arroganten Deutschen“, so sind sie sich sicher, sind nicht von Dauer. Belinda soll in der Schneiderei der Familie arbeiten. Auf staatliche Unterstützung (BaFöG, etc.) will die Familie nicht angewiesen sein.

Karin Kacis Darstellungen der Familien sind nicht frei von Klischees. Zwar werden bei ihr die daraus resultierende Inegrations- und Generationsdebatten nicht komödiantisch aufgelöst, wie in vielen anderen Filmen des „Transnational Cinema“ zuvor, man denke da an Anno Sauls „Kebab Connection“ (2004) oder Savas Ceviz „Alemanya“ (2003) aber auch ihre Familienfeste sind laut, groß, es wird stets Tee gereicht, getrunken und die Männer dürfen sich irgendwann zurück ziehen. Im Gegenzug wird Belindas Antrittsbesuch bei Manuels intellektuellen Eltern als wenig herzliche Pflichterfüllung inszeniert, bei der man in einer teuren Designerwohnung über Musik spricht.

Belinda, überzeugend verkörpert von Irina Potapenko, die nicht nur als Tamara in Götz Spielmanns „Revanche“ (2008), sondern auch immer mal wieder auf der Theaterbühne der Volksbühne in Berlin brilliert, sitzt in diesem Drama in mehrfacher Hinsicht zwischen den Stühlen: Von vielen Seiten wird sie aufgefordert, sich zu entscheiden: Von ihrer Familie für ein Leben an der Seite eines Armeniers, von ihrem Freund für ein Leben in der vermeintlichen `Freiheit` und von ihrem Onkel und Bruder des verstorbenen Vaters (Tilo Prückner als schusseliger, armenischer Pförtner), der ihr gerne „sein Anatolien“ näherbringen würde. Aufgerieben zwischen den Stühlen entscheidet sich Belinda für die Reise nach Anatolien.

Szene aus dem Film Anduni Fremde HeimatMit dem Besuch der entwurzelten Gemeinschaft (entwurzelt, weil Genozid der Türken an den Armeniern) in der Türkei kommt die Inszenierung von Samira Radsi dann wohltuend zur Ruhe. Vergessen sind an dieser Stelle sämtliche Culture-Clash-Fallgruben, in die Samira Radsi mit traumwandlerischer Sicherheit getappst war (Willy Millowitsch als schwer verständlicher Stadtbediensteter, kopfschüttelnde Nachbarn beim Familienkaffeetrinken im Freien). Seine stärksten Momente hat der Film dann, wenn er sich wieder der Hauptfigur annähert, wenn Belinda im Voice-Over über eine gemeinsame Wohnung mit ihrem Freund Manuel nachsinnt, wenn sie aus dem Fenster schaut oder nur ihren Onkel (und damit auch ihren Vater) zu verstehen versucht beim gemeinsamen Blick auf den geliebten John-Wayne-Film. Am Ende von Belindas und damit vielleicht auch Karin Kacis Suche nach den eigenen Wurzeln wird sie angekommen sein, in ihrem Land, bei ihrem Freund und bei sich selbst. Ab 01.12.2011 im Kino.

 





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INHALT

Was ist Heimat? Ein Ort? Der Ort der Sprache, der Tradition? Der Ort der Selbstverwirklichung oder der Familie? Als ihr Vater stirbt, wird Belinda mehr und mehr in die skurrile Welt ihrer armenischen Familie gesogen, mit der sie eigentlich kaum etwas zu tun hatte. Doch je wohler sie sich nun dort fühlt, desto mehr entfremdet sie sich von ihrem Studentenleben und ihrem Freund Manuel. Belinda begibt sich auf die Suche nach ihrer Heimat, an der sich nicht nur ihre halbe Großfamilie beteiligt, sondern auch Manuel.
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