KRITIK

An einem Samstag

An einem Samstag Während ich diesen Text schreibe, ist das verheerende Erdbeben in Japan nur wenige Tage alt. Seine Auswirkungen auf den Atomreaktor Fukushima und die anderen Kernkraftwerke sowie ihre weitreichenden Folgen sind kaum absehbar. Sie rücken eine zuletzt weitgehend diffuse Angst und eine allenfalls leicht köchelnde Debatte um den Ausstieg aus der Atomenergie wieder in den gesellschaftlichen Fokus. Und es ist ein fast zynischer Zufall, dass dies beinahe genau 25 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl passiert, als die Explosion eines Reaktorkerns den Super-GAU markierte.

„An einem Samstag“ – damit ist natürlich jener 26. April 1986 gemeint – ist weit davon entfernt, eine dokumentarische Rekonstruktion der Ereignisse in Tschernobyl und der nahegelegenen Stadt Prypjat zu sein. Er beansprucht keinerlei Objektivität oder bietet eine Einordnung der Geschehnisse an – wie auch? Selbst in einem so hoch entwickelten Staat wie Japan zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Nachrichtenlage noch Tage nach der Katastrophe ebenso unsicher wie undurchsichtig. Die Informationspolitik in der Sowjetunion während der Hochphase des Kalten Krieges ist dagegen eine ganz andere Nummer. Nein, „An einem Samstag“ setzt voll und ganz auf den subjektiven Blick und stellt aus seiner eigenen wie eigenwilligen Perspektive sein Bild des Desasters – und vor allem dessen unmittelbarer Bewältigung, respektive Verleugnung – zusammen.

Valerij Kabysh hat die Explosion des Reaktors und den anschließenden Brand gesehen. Der junge Parteifunktionär und ehemalige Schlagzeuger hetzt durch die Gänge auf dem Betriebsgelände des Kraftwerks, er will Antworten und erntet nur Beschwichtigungen. Er rennt, stolpert und stürzt in die Stadt, zu seiner Freundin Vera. Seine besorgte Aufgeregtheit zerstört ihren unbekümmerten, sonnigen Samstagmorgen. Er zerrt sie zum Bahnhof, doch den Zug, der Prypjat verlässt und sie möglicherweise in Sicherheit bringen könnte, verpassen sie knapp. Das wahre Ausmaß der Katastrophe ist kaum abzuschätzen und erst recht nicht der ungläubigen Freundin klarzumachen.

Er ist ein herrlicher Frühlingstag, die Menschen spazieren im Park, sie feiern Hochzeiten, die Kinder spielen auf der Straße. Das Tempo verlangsamt sich, ein gebrochener Schuhabsatz bringt es kurzzeitig vollends zum Erliegen. Ist es ein Anflug von Irrationalität oder das Eingeständnis der Ausweglosigkeit, dass Valerij keine weiteren Fluchtversuche unternimmt?

Eine Hochzeitsparty steuert langsam ihrem Höhepunkt entgegen. Vera singt dort mit ihrer Band. Valerij nimmt den Platz des betrunken ausgefallenen Drummers ein. Der Tanz über dem Abgrund, der sich allegorisch in die Bilder drängte, manifestiert sich als zentrales und konkretes Motiv des Films. Die Gefahr bleibt evident, aber sie ist unsichtbar und als solche leicht auszublenden, wenigstens für den Moment, für einen Augenblick des Glücks, für eine verzweifelte Verlängerung dieses Glücksmoments – noch eine Flasche Wein, noch ein Tanz, es ist so ein schöner Tag, ein unschuldiger Samstag, der letzte seiner Art.

Die Kameraführung des Rumänen Oleg Mutu, der mit seiner Arbeit an „Der Tod des Herrn Lazarescu“ und „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ bedeutenden Anteil am Aufschwung des neuen rumänischen Films hat, bleibt auch in der zweiten Hälfte von „An einem Samstag“, die sich fast ausschließlich auf der Hochzeitsfeier abspielt, hyperaktiv, bisweilen hektisch, und immer hautnah an den Protagonisten. Die Anspannung und Nervosität ist fast physisch greifbar, und sie schlägt nur langsam in eine verzweifelte Ausgelassenheit um, welcher der bittere Beigeschmack der Ungewissheit wieder und wieder anzumerken ist. Das ist nicht immer unanstrengend, zumal die Inszenierung und die Dialoge des Regisseurs und Autors Alexander Mindadze die Befremdlichkeit der Situation noch verstärken. Bisweilen mutet die Szenerie in ihrer gewollten Künstlichkeit wie versprengte Versatzstücke einer postmodernen, existentialistischen Theateraufführung an, die in der Groteske zur Wahrheit findet. Manchmal aber auch, wie bei einer bizarren Begegnung auf der Straße vom Reaktor zur Stadt, scheint sie wie eine schnöde Momentaufnahme aus einem Zombiefilm wie „Dawn of the Dead“ entlehnt. Die Kunst und die Schönheit, die Profanität des Schreckens – im Augenblick der Apokalypse liegen sie unendlich nah beisammen.



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INHALT

An einem Samstag im April 1986 explodiert ein Reaktorblock im Atomkraftwerk Tschernobyl. Die Parteileitung schweigt, die Bevölkerung ist ahnungslos. Nur der parteitreue Valerij Kabysh versucht mit seiner Freundin Vera vor der unsichtbaren Gefahr zu fliehen. Doch die Lebenslust seiner feiernden Freunde lässt ihn nicht los...
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