KRITIK

An Education

An Education Die so hochgelobten Errungenschaften unserer modernen, zivilisierten Welt waren in den westlichen Nationen bis vor wenigen Jahrzehnten keine Selbstverständlichkeit. Vor allem junge Frauen mit einem großen Hunger nach Leben hatten es Anfang der 1960er Jahre alles andere als leicht. Die Vorwehen emanzipatorischer Bewegungen oder der kommenden 68er-Revolution waren (noch) nicht zu verspüren.

Die 16-jährige Jenny, lebt in einem eintönigen Londoner Vorort und ist eine wahre Musterschülerin – abgesehen vielleicht vom wenig geliebten Latein. Wenn sie das aber noch meistert, steht ihr eigentlich eine akademische Laufbahn in Oxford offen. Ihr Vater, ein fürsorglicher englischer Vorstädter, spart schon lange, um seiner Tochter diesen Traum verwirklichen zu können; ob es letzten Endes finanziell reichen wird, ist zweifelhaft. Jenny träumt insgeheim ohnehin von einem ganz anderen Leben: weit weg, vielleicht in Paris, umgeben von Kunst, Kultur und der Möglichkeit, Dinge zu sehen und an Geschehnissen teilzuhaben, die weit über das hinausgehen, was ihr von standeswegen her möglich wäre. Jenny ist durchaus bewusst: selbst mit einer guten akademischen Ausbildung, ist es höchst unwahrscheinlich, einmal zu dieser elitären Lebewelt dazugehören zu können.

Das ändert sich als der ungefähr doppelt so alte David ihren Weg kreuzt. Er ist eine faszinierende Mischung aus mondäner Eleganz, vornehmer Zurückhaltung und hedonistischer Veranlagung. Ein kultivierter und vertrauenerweckender Charmbolzen. Jenny verfällt ihm, und auch ihre konservativen Eltern sind alsbald von dem neuen Begleiter ihrer Tochter positiv eingenommen. Fast über Nacht wird aus dem Teenager, den ehemals der Notendruck plagte, ein Geschöpf wie aus einem schwelgerischen Traum. An Davids Seite bekommt sie Zugang zu einer Welt, von der sie sonst nur in Magazinen lesen konnte, doch dieser dekadente Höhenflug fordert seinen Preis – und der könnte höher ausfallen, als ihr lieb ist.

Ein wenig Melodram, im Grunde eine Comming-of-Age-Story, gepaart mit dem Glanz und Glamour der aufkommenden Golden Sixties, das ist Lone Sherfigs „An Education“. Ein Film, der mit Carey Mulligan in der weiblichen Hauptrolle perfekt besetzt ist, und die genau wie seinerzeit die junge Audrey Hepburn zu bezaubern vermag. Aber auch der männliche Hauptpart fällt kaum nennenswert ab: Peter Saarsgard verkörpert den charmanten Blender David genau in der richtigen Balance aus liebenswert-romantischen Hallodri und verschlagen-doppelbödigen Sonderling. Dazu in der zweiten Reihe der Besetzung, der fabelhafte Alfred Molina als Jennys Vater und Emma Thompson als resolute Schulrektorin. Kein Wunder also, dass „An Education“ mit drei Academy-Award-Nominierungen in das diesjährige Oscar-Rennen geht.

Getragen wird dieses flüchtige Märchen, dass die gleiche Anziehungskraft wie eine übervolle Schachtel Edelkonfektes entwickelt, von einem bitter-süßen Flair und einer sehnsuchtsvoll-schmerzlichen Melancholie, die zwangsläufig berühren muss. Allein das, würde sich aber allzu schnell abnutzen und die lustvoll schwelgerische Stimmung in Überdruss umschlagen lassen. Gerade da zeigt sich aber, dass der Streifen noch mit einer anderen Seite aufwartet, die zugegebenermaßen nicht ohne moralischen Appellativ auskommt. Dennoch beeinflusst das wenig störend die Grundstimmung des Films – macht ihn im Gegenteil sogar erfreulich komplexer und vielschichtiger – ohne ihn plump aufgesetzt pädagogisch wirken zu lassen.

Ganz wie es der Titel an sich schon verrät, ist „An Education“ eben im Grunde eine Art Erziehungs-Geschichte (wenn es auch nahezu ausschließlich um die Schule des Lebens geht) und solch eine Story darf letzten Endes sogar ein wenig eine edukative Perspektive einnehmen. Da die Story auf den autobiografischen Aufzeichnungen von Lynn Barber basiert, aus denen Kultautor Nick Hornby das Drehbuch gestaltete, relativiert sich dieser Aspekt aber, schließlich existiert für die Lebens- und Liebeswirren, der jungen Jenny, damit eine reale Vorlage, die den erzählerischen Rahmen vorgibt. Frei von Klischees bleibt der Film indes nicht: Jennys Vater ist der typisch borniert-spießige Vertreter der unteren Mittelschicht, die Mutter eine Art bessere Dienstmagd und das Motiv, weltmännischer junger Gentleman mit kindlicher Schönen ist sicherlich weder neu, noch ausgesprochen originell, aber auch nicht fernab der Realität. Und eben diese Mischung aus geerdeter Grundgeschichte, sinnlich-verführerischem Traum und unaufdringlicher Moral ist es, die „An Education“ zu einem bezirzenden Ganzen macht, dass man sich nicht entgehen lassen sollte.



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Die 16-jährige Jenny wächst 1961 in einem Mittelklassehaushalt im Londoner Twickenham auf. Für ihren strengen Vater ist eine solide Schaulausbildung das wichtigste, das Cellospiel ist noch das äußerste an Freizeitbeschäftigung, das er gestattet. Doch Jenny will mehr vom Leben. Als sie den deutlich älteren Lebemann David kennenlernt und von ihm zunächst in die Society und später, an ihrem 17. Geburtstag in Paris, auch in die Liebe eingeführt wird, werden ihre Träume wahr. Doch dann wird das aufgeweckte Mädchen von der Realität eingeholt.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu An Education

  1. Cinephiler

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*