KRITIK

Amy

Bild (c) 2015 Prokino Filmverleih.

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Fernsehmitschnitte, private Videos, unzählige Interviews mit Berichten von Zeitzeugen, hunderte Fotos und Aussagen vom Star selbst: als Asif Kapadia im Jahr 2010 das Leben und Wirken des brasilianischen Rennfahrers Ayrton Senna nachzeichnete, war man gefesselt, berührt und bewegt. Aber auch ein wenig verängstigt. Nicht von der Person Ayrton Senna, sondern über die Tatsache, wie sehr das Leben einer „Person des öffentlichen Interesses“ in unserem von Bildern geprägten Zeitalter für jedermann „einsehbar“ gemacht werden kann. Der Herr dieser Bilder hat demnach eine große Verantwortung. Er sollte Philantrop, Freund und objektiver Berichterstatter zugleich sein. Bei einem erfolgreichen Sportler ohne Fehler und Allüren kein Problem. Aber bei einer jungen Künstlerin, deren Herz im Alter von nur 27 Jahren infolge eines zu hohen Alkoholkonsums stehen blieb? Kapadia gelingt auch dies. Denn wie zuvor in seiner sehenswerten Dokumentation „Senna“ über den gleichnamigen Rennfahrer formt er bei „Amy“ umfangreiches Material weniger zu einer filmischen Heldenverehrung sondern eher zu einer spannenden Dokumentation über eine schwache Person in einem falschen Umfeld, ein Bild über ein talentiertes Rädchen im falschen System.

Amy Jade Winehouse kommt am 14. September 1983 in London zur Welt. Sie wuchs gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Alex in einer jüdischen Familie auf. Ihr Vater Mitch war Taxifahrer und ihre Mutter Janis Apothekerin. Amys Eltern trennten sich, als sie neun Jahre alt war. Die Dokumentation beginnt mit der knapp 20-jährigen Amy, deren Talent sich rasch herumspricht, als sie 2003 durch zahlreiche Musikclubs tourt: Sie singt Jazz. Und nicht nur die Klassiker, sondern auch Songs, die sie selbst geschrieben hat. Dank ihrer markanten Stimme wird sie schnell zu einem Geheimtipp. Und kann mit Hilfe ihres besten Freundes und Managers Nick Shymansky ihr erstes Album produzieren.

Szene_AmyAuf ihr Album „Frank“, das sich in England 900.000 mal verkaufte und von Island Records produziert wurde, folgte im Oktober 2006 das Album „Back to Black“, eine vom Soul der 60er Jahre inspirierte Abrechnung ihrer Beziehung zu ihrem Freund Blake Fielder-Civil. Mit dieser musikalischen Veränderung kam auch eine optische: Amys Kleidungsstil ging vermehrt in Richtung der 1960er Jahre, zudem wurde die Beehive-Frisur zu ihrem optischen Markenzeichen. In den Jahren 2007 und 2008 verkaufte keine Künstlerin weltweit mehr Alben als Amy Winehouse, ihre Einnahmen wurden auf über 15 Millionen Pfund geschätzt, zahlreiche Preise und Auszeichnungen folgten. Der Rest ist bekannt.

Wie schon bei „Senna“ reduziert Asaf Kapadia die Person, die er betrachtet, nicht auf dessen Stationen, mit Erfolgen, Mißerfolgen und Auszeichnungen. Der gebürtige Brite stellt einmal mehr das außergewöhnliche Talent und den Menschen dahinter in den Vordergrund. Szene_Amy_2Bei Amy gelingt ihm das ganz hervorragend, indem er bei seiner chronologischen Nacherzählung Szenen aus Privatvideos von Freundinnen und Freunden einstreut, die Amy immer wieder als schüchternes Mädchen oder etwas naive junge Frau zeigen. Stets jedoch als außergewöhnliches Talent. Als begnadete Songwriterin, die sich die falschen Freunde sucht und einen ganzen Stab von Mitarbeitern an die Seite gestellt bekommt. In diesem Umfeld aus geldgierigem Vater, teilnahmsloser Mutter und vor allem Spaß- und Drogen-orierntierter Freunde, die oft und gerne über Tochter, Freundin und Künstlerin reden, stellt Kapadia bei seiner Hauptakteurin immer wieder die Suche nach Anerkennung, als Freundin, als Künstlerin, als Sängerin und Songschreiberin heraus, was er mit verschriftlichen Liedtexten, die im Karaoke-Stil auf der Leinwand auftauchen, noch anschaulicher macht.

Sorgte der cineastische Kniff, nur ganz selten die Aussagen der Zeitzeugen als „Talking Head“ sondern als stillen Kommentar im Hintergrund zu platzieren, bereits in „Senna“ dafür, dass seine Dokumentation über den talentierten Rennfahrer aus Brasilien fast wie ein rasanter Spielfilm wirkte und dessen Spielzeit von 105 Minuten wie im Fluge vergingen, ist es bei „Amy“ der herausragende Kniff, dass man durch die zahlreichen Privataufnahmen als Zuschauer das Gefühl bekommt, von einer Freundin an die Hand genommen zu werden, um über sie zu erfahren, dass (wie es der große Tony Bennett so trefflich formuliert) sie „ein einmaliges Talent besaß und nicht genug darauf aufpasste.“ Die Künstlerin, die im Alter von nur 27 Jahren verstarb, das Opfer eines Systems? Umso mehr sollte man die Dokumentation „Amy“ auch als Anschauungsfilm verstehen. Sehenswert ist er so oder so.

 

 



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