KRITIK

American Hustle

Bild (c) Tobis Film.

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Zehn Nominierungen für den Oscar. Sieben Nominierungen für den Golden Globe, davon drei Auszeichnungen in zwei Darsteller- und einer Hauptkategorie als Beste Komödie. Dreizehn Nominierungen für den Critics‘ Choice Award, davon vier Auszeichnungen. Das sind nur drei von zahlreichen Filmpreisen, mit denen David O. Russells´ Gaunerstück in der aktuellen Award-Saison honoriert wurde. Die Ode an die Siebzigerjahre gilt – vor allem in den Darstellerkategorien – als heißer Anwärter auf den einen oder anderen Goldjungen und nationale wie internationale Kritiker überschlagen sich vor Begeisterung. Zu Recht?

2010 markierte das mit Oscar-Gewinner Christian Bale und Actionheld Mark Wahlberg prominent besetzte Boxerdrama „The Fighter“ den Anfang einer lose miteinander verknüpften Filmreihe, die im vergangenen Jahr mit „Silver Linings“ fortgesetzt wurde und mit „American Hustle“ nun ihren formidablen Abschluss findet. Die augenscheinlich zunächst vollkommen unterschiedlichen Filme haben nicht nur einen Großteil ihrer Besetzung gemein, sondern thematisieren vor allem ein und dasselbe Thema: Russell erzählt von Figuren, die versuchen, ihre aktuelle Lebenslage zu verändern und deren Weg zum „besseren Menschen“ mit vielen Hindernissen gespickt ist. Hindernisse, damit meint Russell zumeist andere Menschen, die unseren Protagonisten (Amy Adams, Christian Bale, Bradley Cooper und Jennifer Lawrence) das Leben schwer machen. Ob als desillusionierter Boxer in „The Fighter„, als psychisch angeknackste Witwe in „Silver Linings“ oder als kalkulierendes Gaunerpärchen in „American Hustle“: Sämtliche Charaktere wachsen dem Zuschauer ans Herz. In „American Hustle“ – ehemals „American Bullshit“ – mehr denn je.

Im Zeitalter von Bombastkino, CGI und der Digitalisierung des Filmemachens scheint es zu einem schier unmöglichen Unterfangen geworden zu sein, einen Film den Atem der Vergangenheit atmen zu lassen. So sehr man sich auch bemüht: An den Charme alter Kinoperlen mag kaum eine Produktion des neuen Jahrtausends heran zu reichen. Ansatzweise gelang dies zuletzt Ben Affleck mit seinem hervorragenden Politthriller „Argo„, der sogleich mit dem Oscar als „Bester Film“ ausgezeichnet wurde. Doch selbst hochgelobten Filmdramen, die sich mit einer oder mehreren bestimmten Zeitspannen befassen, wie etwa Stephen Spielbergs „Lincoln“-Biopic, sieht man ihre Gegenwarts-Herkunft überdeutlich an.

Bild (c) Tobis Film

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Doch es geht auch anders! David O. Russell, allen voran jedoch Kameramann Linus Sandgren (“Promised Land”) sowie den Verantwortlichen für Kostüme (Oscar-nominiert: Michael Wilkinson) und Make-Up respektive Hairstyling gelingt die perfekte Illusion: „American Hustle“ sieht aus wie ein waschechter Hollywood-Klassiker der späten Siebzigerjahre: Verspielte, jedoch übersichtliche Kamerafahrten, ein leicht fiebriger Sepia-Stich, der den Luxus und die Maßlosigkeit unterstreicht, dabei aber nie aufdringlich oder gestellt wirkt sowie das Schwelgen in Details – und seien es nur die prächtigen Kostüme – prägen das Bild eines Films, der sich seiner optischen Stärken überaus bewusst ist, sich jedoch nie auf sie als alleinige verlässt.

Auch wenn „American Hustle“ ein Augen- und Ohrenschmaus sondergleichen ist – Danny Elfman komponierte einen zur Verspieltheit der Bilder passenden Klimper-Score mit Einbezug vieler 70s-Evergreens – ist es vor allem die Geschichte, die für ein kurzweiliges, gut zweistündiges Kinoerlebnis sorgt. Dabei setzt der Film, für dessen Drehbuch Eric Warren Singer („The International„) und David O. Russell gleichermaßen verantwortlich zeichnen, vor allem auf die Komik im Detail. Für brachialen Humor, gar Slapstick oder Hau-drauf-Comedy ist in „American Hustle“ kein Platz. Es ist vielmehr die Absurdität der Prämisse, die dem Streifen durchgehend eine unterschwellige humoristische Auslegung verleiht. Doch auch die stimmige Chemie innerhalb des blendend aufgelegten Casts und die geschliffenen Dialoge sorgen für gleichermaßen anspruchsvolle wie lockere Unterhaltung. Denn auch, wenn „American Hustle“ durch die Straffung einiger Plot-Elemente durchaus noch spritziger und dynamischer hätte ausfallen können, macht die Interaktion unter den Ensemble-Mitgliedern ungeheuren Spaß. Da verzeiht man es dem Regisseur auch, dass er sich an einigen Stellen zu lang an einzelnen Szenen aufhält als nötig.

Bild (c) Tobis Film

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Unter den Schauspielern ist es vor allem Jennifer Lawrence, die ihren Kollegen einmal mehr die Show stiehlt. Ihre Darstellung einer Furie und eifersüchtigen Ehefrau findet ihren Höhepunkt in einer aggressiven Interpretation des Wings-Hits „Live And Let Die“, den sie, durch ihre Wohnung wirbelnd und wirre Grimassen schneidend, bis zur Ekstase performed – einer der Höhepunkte des Films! Amy Adams verkörpert die kalkulierende Femme Fatale und versprüht eine ehrenwerte Erotik abseits billiger Sexiness, während Christian Bale hervorragend in seiner Rolle des berechnenden, aber irgendwie auch leicht verpeilten Geschäftsmannes aufgeht. Jeremy Renner gibt derweil glaubhaft einen undurchsichtigen Bürgermeister, der zunächst vor allem durch seinen authentischen Seventies-Look besticht, nach und nach jedoch auch schauspielerisch zur Höchstform aufläuft, die ihren Zenit in einem handfesten Streit mit Bale findet. Ein weiteres Highlight.

David O. Russell gelingt es nach „Silver Linings“ also ein weiteres Mal, die vier Darsteller-Kategorien der Academy Awards mit Schauspielern aus einem seiner Filme zu bestücken. Und dies völlig zu Recht. „American Hustle“ ist spektakuläres Darstellerkino im Gewand eines wunderschönen Siebzigerjahre-Hollywoodfilms. Jedes noch so kleine Detail scheint bewusst platziert, die Dialoge sind gleichermaßen von stiller Tragik wie Komik geprägt und wenn der Film nach zwei Stunden auf sein Finale zusteuert, scheint dem Rausch keine Grenze gesetzt. Auch wenn das Drehbuch schlussendlich einige kleine, unerwartete Haken schlägt, bewahrt „American Hustle“ stets seine Glaubwürdigkeit und liefert dem Publikum ein rundum gelungenes Gaunerstück, auf das wir mit Sicherheit in einigen Jahrzehnten noch zurückblicken – dann allerdings als wahren „Klassiker“.

Mehr von Antje in ihrem Blog buy-a-movie

 

 



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