KRITIK

Am Sonntag bist Du tot

Bild (c) 2014 Ascot Elite Filmverleih.

Bild (c) 2014 Ascot Elite Filmverleih.

Viel zu wenige Schauspieler drücken zur Zeit dem aktuellen Kino allein durch ihr Können einen nachhaltigen Stempel auf. So wie Brendan Gleeson. Seit John Boormans „The General“ (1998), der bei uns „Der Meisterdieb von Dublin“ heißt, ist der irische Charakterdarsteller in immer mehr Haupt- statt Nebenrollen zu sehen. Sehr zur Freude seiner immer größer werdenden Fangemeinde. Viele davon dürften den leidenschaftlichen Samuel Beckett-Liebhaber spätestens seit seiner furchteinflößenden Verkörperung des Professor Alastor „MadEye“ Moody aus den Harry Potter-Filmen kennen und vor allem auch lieben gelernt haben.

Immer, wenn es um kauzige, energische und vor allem englische Charakterköpfe geht, ist Brendan Gleeson die erste Wahl. So auch bei Martin McDonaghs Publikumshit „Brügge sehen… und sterben“ (2008) oder zuletzt im Film von Martins Bruder John Michael McDonagh, dem Publikums- wie Kritikerliebling „The Guard“ (2011). Wenig verwunderlich, dass nach einem derart großen Erfolg mit „The Guard“ einer der beiden Hauptdarsteller, Brendan Gleeson, auch für den dritten McDonagh-Spielfilm erste Wahl war. Und letzterer soll bereits nach nur wenigen Seiten des Scriptes sofort zugesagt haben.

In „Calvary“, der im deutschsprachigen Raum den martialischen Titel „Am Sonntag bist Du tot“ erhielt, geht es um die episondenhafte Bebilderung des neutestamentarischen „Gangs nach Golgota“ (latein.: calvarius). Jesus von Nazaret wurde den Überlieferungen nach in Golgota gekreuzigt. Im Film von John Michael McDonagh ist es der Pfarrer eines Dorfes in der irischen Provinz, der sein Todesurteil erhält. Während einer Beichte. Der Beichtende beginnt mit den Worten „When I was seven years old I was raped by a priest.“ Ein Schock für Father James (Brendan Gleeson). Wie soll ein Vertreter der Kirche das Versagen des ganzen Apparates auffangen? Wie kann er nur das verlorene Vertrauen in die Glaubensgemeinschaft wieder herstellen? Als der Geistliche keine passenden Worte findet, wird die Beichte mit seinem Todesurteil beendet: „On sunday I will kill you“ sagt die Stimme hinter dem Beichtgitter, die der Zuschauer nur hört. Der Countdown (in Form von Kalendertagen) ist gestartet.

Szene_Am_SonntagJohn Michael McDonagh, der auch das Drehbuch zum Film schrieb, schickt seinen herausragenden Hauptdarsteller auf die Suche. Jedoch nicht in Form eines klassischen Whodunit sondern als parabelhafte Erzählung irgendwo zischen Krimisatire, scharfer Gesellschaftskritik und Rosamunde Pilcher Irland-Romantik. Father James´ Reise geht an den einzelnen Tagen quer durch die Gemeinde, um sich den unterschiedlichsten Problemen anzunehmen. Um zuzuhören und gleichwohl den Spott der kirchenkritischen Dorfbewohner zu ertragen, ständig auf der Suche nach dem Einen, der ihm nach dem Leben trachten könnte …

Zu alledem muss sich James auch noch mit dem Suizidversuch seiner Tochter (Kelly Reilly) auseinandersetzen. Diese hatte den Besuch bei ihrem Vater treffsicher in besagte Woche gelegt. Und würden ihm seine Schäfchen nicht schon genug Kummer bereiten, muss sich der vielbeschäftigte Hirte auch noch um den geplanten Tod eines amerikanischen Schriftstellerfreundes (grossartig: M. Emmet Walsh) kümmern, der dem Leben schon lange überdrüssig geworden ist.

Szene_Am_Sonntag_2Anders als in seinem Vorgänger „The Guard„, einer rabenschwarzen Krimikomödie mit zwei herausragenden Darstellern, zieht McDonagh diesmal den Witz nicht aus dem Zusammenspiel zweier unterschiedlicher Hauptdarsteller, inklusive einiger spitzfindiger Culture-Clash-Witzeleien, sondern er garniert die Besuche seines einzigen geistlichen Hauptdarstellers bei seinen Schäfchen mit entlarvenden, treffsicheren sowie herausfordernden Dialogen, die sich ob der unterschiedlichen Interessen beider Seiten rasch zu unterhaltsamen aber auch tragischen Wortgefechten entwickeln.

Dabei werden Erinnerungen an Filme wie „Zwölf Uhr mittags“ wach, gepaart mit der Ausweglosigkeit aus Robert Bressons Klassiker „Tagebuch eines Landpfarrers“ (1951) mit einer Prise skurilem, dörflichen Charme aus Kaurismäkis „Le Havre“. All diese Ingredienzien verdichtet McDonagh (wieder einmal) zu einem packend ehrlichen, dialoglastigen Krimi-/Thriller-Schuld-und-Sühne-Drama, das sich ganz auf seinen herausragenden Hauptdarsteller verlassen kann und bis weit über den Nachhauseweg einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Nicht verpassen!

 




Ähnliche Beiträge:

INHALT

Priester James Lavelle (Brendan Gleeson), ein umgänglicher und gottergebener Mann, hat es in seiner kleinen irischen Gemeinde namens Sligo nicht immer leicht. Doch die alltäglichen Probleme mit den skurrilen Einwohnern sind nichts gegen das, was ihm eines schönen Sonntags widerfährt: Ein Mann droht ihm während der Beichte mit dem Tod und liefert den absurden Grund dafür gleich mit: "Ich werde Sie töten, weil Sie unschuldig sind." Jemand soll also sterben, weil er nichts verbrochen hat? Lavelle begreift nicht, wie ihm geschieht, aber bereits in einer Woche soll seine letzte Stunde schlagen. Da er an das Beichtgeheimnis gebunden ist, beschließt er, sich selbst auf die Suche nach seinem zukünftigen Mörder zu machen und diesen auf den Pfad Gottes zurückzuführen. Keine leichte Aufgabe in einer Gemeinde, in der ein Einwohner sich merkwürdiger und weniger kooperativ verhält als der nächste. Nebenbei muss er sich auch noch um seine labile Tochter Fiona (Kelly Reilly) kümmern. Als wäre das nicht genug, bemüht er sich zusätzlich nach Kräften, seinen Gemeindemitgliedern bei ihren mannigfaltigen Problemen zu helfen. (Text Ascot Elite Presse)
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*