KRITIK

Alles was wir geben mussten

Alles was wir geben mussten Es ist schlechterdings kaum möglich über „Alles, was wir geben mussten“ zu schreiben und dabei Spoiler-frei zu bleiben. Auch wenn es der Trailer und die Inhaltsangaben des Verleihs bei Andeutungen belassen – und damit dem zurückhaltenden Ton des Films durchaus nahe kommen – ist es doch frühzeitig evident und tut dem Genuss des Films wenig Abbruch es vorab zu wissen: Kathy, Tommy und Ruth, die drei Protagonisten, zusammengeschweißt seit ihrem gemeinsamen Aufwachsen im Internat Hailsham, sind Klone. Erschaffen zu dem einzigen Zweck, Organe zu spenden und das Überleben Anderer zu sichern. Diese Pflichterfüllung wird ihnen seit frühester Kindheit, zunächst indirekt, später immer offenbarer, dringlich auferlegt, wobei der unbedingte Gehorsam und das Verlangen nach Disziplin Hailsham kaum von anderen englischen Internaten Ende der Siebziger unterscheidet. Die ständige Überwachung ist allenfalls ein wenig strenger und augenfälliger.

Auch die Frage, weshalb Kathy, Tommy, Ruth und die Anderen nicht rebellieren, nicht ausbrechen und verschwinden, sobald sie Gewissheit über ihr vorgezeichnetes Schicksal haben, stellt sich nicht. Dies ist ihr Leben, es ist alles was sie haben und besiegelt, dass sie es zum Wohle der Allgemeinheit vorzeitig wieder hergeben müssen. Was sehr wohl von Bedeutung ist, ist Folgendes: Machen tiefempfundene Gefühle wie Liebe oder das Ausleben ihrer Kreativität sie menschlicher und können sie gar einen Aufschub ihres Daseins erwirken? Die Gerüchte brodeln, sobald sie Hailsham verlassen und die nächste Stufe ihres Weges beschreiten. Ein Hauch von „Blade Runner“ umweht die Hoffnung, die Unwissenheit zu durchbrechen und den großen, sorgsam für sie vorbereiteten Plan zu erkennen und ihn zumindest ein wenig aufzuhalten oder zu verlangsamen.

Unter dem lediglich mit groben Strichen skizzierten Science-Fiction-Überbau, der gerade durch seine minimalen Andeutungen umso größere Wirkung entfaltet, erzählt Autor Kazuo Ishiguro, dessen Vorlage vom Time Magazine als „bester Roman des Jahrzehnts“ geadelt wurde, vor allem auch eine herzergreifende Dreiecksgeschichte. Kathy und Tommy sind füreinander bestimmt, selbst Ruth muss dies neidvoll anerkennen. Dennoch oder gerade deswegen drängt sie sich dazwischen; der fragilen Kathy bleibt nur der Zuschauerpart. Erst die neue Rollenverteilung ihres Erwachsenenlebens führt die Drei wieder zusammen, unter geänderten Vorzeichen, mit tonnenschwerer Last auf ihren Schultern. Aber es sind universelle Fragen, die sie antreiben, und ein zutiefst menschliches Verlangen – und etwa die Tatsache, dass sie vergeblich nach ihrem Original Ausschau halten, ist eher ein Beweis dafür, dass sie ebenso einzigartig sind wie alle anderen Menschen auch.

Mit großer Sensibilität und genauem Gespür für die Zwischentöne haben Drehbuchautor Alex Garland und Regisseur Mark Romanek, dessen letzter Kinofilm „One Hour Photo“ schon mehr als acht Jahre zurückliegt, Kazuo Ishiguros meisterhaften Roman auf die Leinwand gebracht. Die bittersüße Atmosphäre ist zu jeder Zeit stimmig, das Timing – selbst in der weitgehend verkürzten Hailsham-Episode – punktgenau. Unterstützt wird ihre Vision eines Englands, das sich im Laufe der Siebziger und Achtziger Jahre eben nicht der Atomtechnologie verschrieben, sondern der Gentechnik den zentralen Stellenwert zugeordnet hat, von einem grandios spielenden Ensemble; von Carey Mulligan, Andrew Garfield und Keira Knightley und ihren jugendlichen Äquivalenten, die dermaßen perfekt ausgewählt wurden (Casting: Kate Dowd), dass sie jede Erwähnung verdient haben: Isobel Meikle-Small als Kathy, Charlie Rowe als Tommy, Ella Purnell als Ruth.

Wie alle herausragenden Filme erschafft „Alles, was wir geben mussten“ eine eigene Welt, die an den Bildrändern längst nicht aufhört, sondern weit darüber hinaus verweist. Die keine einfachen Antworten zulässt, sondern unbehagliche Fragen stellt. Und die einen, welch passende Analogie zum ungleich treffenderen Originaltitel, so schnell nicht mehr los lässt.



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INHALT

Kathy, Tommy und Ruth kommen in ein Internat in der englischen Einöde. Zunächst scheint es sich um eine gewöhnliche Bildungseinrichtung zu handeln, doch nach und nach kommen Zweifel auf. Warum werden die Lehrer Aufseher genannt? Und warum ist die Institution völlig abgeschottet von der Außenwelt? Ganz allmählich dämmert ihnen die schonungslose Wahrheit, dessen Ausmaß nicht annähernd begreifbar ist: Sie sind aus einem ganz bestimmten Grund in diesem Internat und werden es vielleicht niemals lebend verlassen.
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