KRITIK

Alles was kommt

Bild (c) Weltkino Filmverleih.

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Die Filme der Französin Mia Hansen-Love (Jahrgang 1981) erzählen vom Verlust – vom Verlust der Jugend, des Idealismus, geliebter Menschen. Sie erzählen davon, wie Wünsche und Gewissheiten sich auflösen und davon, wie man sich dann mit dem arrangieren muss, was einem bleibt. Und sei es die Realität. Hansen-Loves Filme sind tief melancholisch und doch immer auch Spaziergänge durch sonnendurchflutete Stadt- und Naturlandschaften, dezent optimistisch, ohne sich schnöden Happy-End-Zwängen hinzugeben. Sie sind ganz frei – und damit denkbar weit entfernt von den dramaturgischen Wellness-Oasen, die das französische Kino derzeit in Dauerschleife in unsere cinephilen Lichtspielhäuser spült.

Nachdem sich Hansen-Love bislang auf junge Menschen (zuletzt: „Eden“) spezialisiert zu haben schien, wagt sie sich in „Alles was kommt“ in die Generation der Babyboomer vor: Isabelle Huppert, deren selbstbewusste Herbheit in einigen ihrer jüngsten Filme zum Stereotyp zu gerinnen schien, ist hier ideal besetzt als Pariser Philosophiedozentin im fortgerückten Alter, deren Leben schwer erschüttert wird: Ihr Ehemann (André Marcon, „Maman und ich“) lässt sie für eine Jüngere sitzen, ihr Musterstudent wird zum allseits gefeierten Politaktivisten, der sie bourgeoiser Saturiertheit zeiht, dann werden auch noch ihre philosophischen Lehrbücher aus dem Programm genommen.

Szene_AlleswaskommtKlingt nach einem Runterzieher, ist es aber nicht, weil Huppert diese Nathalie, der bald nur noch Pandora, die Katze ihrer depressiven Mutter, zu bleiben scheint (gegen die sie auch noch allergisch ist), punktgenau zwischen Stolz und Verdrossenheit, Resignation und Zuversicht anlegt. Nicht das Glück selbst mache das Leben lebenswert, lehrt Natalie ihre Studenten, sondern die stete Suche danach.

Hansen-Love, die auf der Berlinale dafür den Regie-Bären gewann, inszeniert das so leichthin wie gewohnt: als lichten Sommer-Parcours zwischen Stadtwohnung in Paris, Ferienhaus in der Bretagne und Kommune in den Alpen, stets mit Blick auf die Details in den Lebenswelten ihrer Protagonisten. Hier ist es das Milieu der Bildungsbürger, in dem eine Lebenskrise kaum brutaler angezeigt werden kann als durch die vom Ex-Mann mitgenommene Levinas-Gesamtausgabe. Sehenswert.

 

 

Kritikerspiegel Alles was kommt



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Sascha Westphal
epd film, WAZ
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7.5/10 ★★★★★★★½☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

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