KRITIK

Alle anderen

Alle anderen Schwer zu sagen, was die beiden eigentlich aneinander finden. Gitti arbeitet für ein Musiklabel, ist tough, witzig, sexy und geradeheraus bis zur Unverschämtheit. Chris hingegen leidet unter innerem Erfolgsdruck, kommt als Architekt nicht recht aus den Startlöchern und bringt es nicht fertig, seiner Freundin zu sagen, dass er sie liebt.

Trotzdem, eine diffuse Anziehungskraft ist spürbar zwischen ihnen. Bloß bringt ein gemeinsamer Sardinien-Urlaub das emotionale Gefälle ihrer Liebelei gnadenloser ans Licht, als es im Großstadtalltag der Fall wäre. Was noch verschärft wird durch die Begegnung mit einem alten Studienfreund von Chris, dem weit erfolgreicheren Architekten Hans und seiner Musterfrau Sana.

Die deutsche Regisseurin Maren Ade („Der Wald vor lauter Bäumen“) erzählt eine denkbar allerweltstaugliche Geschichte, die ihr Feuer aus den pointierten Dialogen und dem nuancierten Spiel ihrer Hauptdarsteller Birgit Minichmayr und Lars Eidinger gewinnt. Viele der Szenen einer Krise wirken wie improvisiert, tatsächlich aber steht dahinter eine denkbar detailversessene Arbeit am Buch.

Man spürt die Intensität eines chronologischen Drehs unter sonnigen Druckverhältnissen, die Nähe, die beide Schauspieler in langen Proben hergestellt haben. Besonders die Österreicherin Minichmayr ist als selbstbewusste Gitti eine Wucht, und umso berührender wirkt es, wenn diese Frau sich zurückzunehmen und zu zweifeln beginnt: „Wenn ich anders wäre, könnte ich dich vielleicht besser kennen lernen.“ So aufgeklärt und modern wir uns gern sehen – die Rollenbilder halten nicht immer Schritt.

Es gibt eine phänomenale Szene, an der sich die Geister scheiden: Da sind Gitti und Chris zum Abendessen bei Hans und Sana eingeladen, und als der Gastgeber, dieser selbstgewisse Großkotz, gegen Chris zu sticheln beginnt, springt Gitti ihm bei. Verteidigt ihren Freund mit dem hochfahrenden Temperament, das ihr gegeben ist. Liebesbeweis oder Entmündigung? Chris kommentiert nur kopfschüttelnd: „Du bist so peinlich.“ Über die fragile Balance von Stärke und Schwäche in einer Beziehung kann man kaum präziser erzählen, und denkbar subtil stellt Maren Ade ihre Zuschauer vor die emotionale Parteinahme. Alle Liebenden, die den Film sehen, werden nach dem Kino zu reden haben.



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INHALT

Die unkonventionelle Beziehung von Chris und Gitti wird bei einem gemeinsamen Urlaub in Sardinien auf den Prüfstand gestellt. Ein Treffen mit einem anderen Paar, das nicht nur beruflich erfolgreicher ist, sondern auch scheinbar besser mit der Rollenverteilung von Mann und Frau umgeht, ist der Auslöser. Chris lässt sich beeinflussen. Und auf einmal gerät die ganze fragile Beziehung ins Wanken, weil Gitti zwangsläufig daran scheitern muss, dem Wunschbild ihres Freundes zu entsprechen.
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