KRITIK

All is lost

Bild (c) Universum Filmverleih

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Die Nachfrage eines Filmemachers bei einem bekannten Darsteller für ein neues Filmprojekt ist ein hochfrequentierter Vorgang im Filmbusiness. Man kann ihn sich auch beim jungen J. C. Chandor sehr gut vorstellen. Wie mutig und gewinnbringend es sein kann, nicht weniger als eine Leinwandikone zu kontaktieren, zeigt der Erfolg von Chandor bei seiner Anfrage für „All is lost“. Man sieht das charmante Lächeln Robert Redfords förmlich vor Augen, als ihn der junge Filmemacher gefragt haben muss. Denn diesmal ist der Hintergrund dieser Frage, die Redford schon hunderte Mal beantwortet hat, ein anderer: Nur drei Jahre zuvor verhalf die Leinwandikone dem jungen New Yorker J. C. Chandor zum Durchbruch, als er dessen Spielfilmddebüt, “Margin Call”, nicht nur auf sein Independent Filmfestival nach Utah einlud, sondern es darüber hinaus ausdrücklich lobend erwähnte. Zahlreiche Preise folgten. Zudem wurde Redford noch nie von einem jungen, unabhängigen Filmemacher auf eine Hauptrolle angesprochen, wenn dessen Spielfilm zuvor auf “seinem” Festival für Furore sorgte.

Und konnte Chandor wissen, dass seine Wunschbesetzung zuvor mit “The Company You keep” ein wichtiges Kapitel im Leben abgeschlossen hatte? Sowie bereits in jungen Jahren eine “Aussteigerfigur” wie den namenlosen Hauptdarsteller in Chandors “All is lost” schon einmal verkörpert hatte? All diese Fragen könnten sich widergespiegelt haben in jenem Lächeln. Einem Lächeln im sichtlich von zahlreichen Erfahrungen gezeichneten Gesicht des großen Schauspielers, als er auf diese Frage nach der Hauptrolle “Ja” gesagt hat – bzw. ohne zu überlegen sofort “Ja” gesagt haben soll, vierzig Jahre nach Sidney Pollacks “Jeremia Johnson” (erste Aussteigerrolle von Redford), vier Jahre nach Chandors “Margin Call” und nur ein Jahr nach Redfords eigenem Projekt “The Company You Keep”.

Nicht nur Redford selbst, auch das Publikum darf dankbar über die Frage des jungen J. C. Chandor sein. Zwar reiht sich “Our Man”, wie die Figur im Abspann von Chandors One-Man-Show genannt wird, äußerst geschickt in die jüngere Reihe der Überlebenskämpfer wie beispielsweise James Francos “Aron Ralston” in Danny Boyles “127 Hours” oder Sandra Bullocks “Ryan Stone” in Alfonso Curóns Sci-Fi-Überlebenskampf “Gravity” ein. Doch diesen Kampf gegen die Naturgewalten, wie ihn der ältere, namenlose Segler in “All is lost” erlebt, dürften nur wenige Darsteller mit so viel Gelassenheit, Souveräni- und Authentizität sowie beeindruckender Grandezza hinbekommen wie der mittlerweile 77-jährige Altstar. Wen wundert´s, dass viele Filmkritiker aus diesem Grund gerne von “Rolle des Lebens” sprechen.

Über 40 Filme Erfahrung spiegeln sich wider, wenn die Hauptfigur zu Beginn des Films in den letzten Stunden des Überlebenskampfes aus dem Off einen Abschiedsbrief verliest. “Ich bin immer ehrlich und aufrichtig gewesen” heißt es darin unter anderem. Namen werden nicht genannt, kein Dankeschön an die Ehefrau, an die Kinder oder an Freunde. Der Brief bleibt so undankbar wie die Situation, die eine Bildunterschrift nüchern mit “1700 Meilen vor Sumatra” beschreibt. Zeitsprung. 8 Tage zuvor. Ein dumpfer Knall. Ein Mann wacht auf, in der nüchternen Kabine seiner 28-Fuß-Segelyacht.

Szene_All_is_lostEin Schiffscontainer, beladen mit unzhähligen Paar Turnschuhen hat ein Loch in die Glasfaser-verstärkte Bordwand der Yacht gerissen. Wasser strömt ins Boot. Von nun an werden in den restlichen 110 Spielfilm-Minuten nur noch wenige Worte fallen. Ein Fluchen vielleicht. Nur das Wasser fließt noch. Die Takelage knarzt, der Wind pfeift in die Segel. Schwerstarbeit für die Sound-Designer, die bis zum Ende der darauffolgenden Odyssee Oscar-reife Leistungen vollbringen.

Ein Mann, eine Mittelklasse-Yacht, ein Sturm und eine Überlebens-Insel. Das ist alles, was J. C. Chandor benötigt, um Spannung auf höchstem, packenden Niveau zu erzeugen. Und Robert Redford erwidert den Mut des nahezu minimalistisch inszenierenden Regisseurs mit einer beeindruckenden Performance. Die Kamera ist selten mehr als eine Armlänge von Redford entfernt. So intensiv diese Nähe so groß schien der Respekt von Chandor gewesen zu sein, seinen Hauptdarsteller auch körperlich zu einem Verzicht zu bewegen. Erschöpfungszustände bleiben lediglich kurze Behauptungen, lediglich eine Risswunde ist gegen Ende der 110-minütigen Odyssee im stets gebräunten Gesicht von Redford zu sehen.

Den Verzicht jeglicher Erklärungen, Hintergründe und Dialoge als “meisterlich” zu feiern wäre genauso falsch wie diese One-Man-Show mit Werken wie “Cast Away” (indem Tom Hanks eine wesentlich leidensfähigere Rolle verkörperte), “Into the Wild” oder gar “127 Hours” zu vergleichen. Dennoch sollte man den Regisseur für seinen Mut belohnen. Und seinen Hauptdarsteller Robert Redford für dessen ausgezeichnete Performance mit dem Eintrittspreis einer Kinokarte danken.

 

 

 



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INHALT

Mitten auf dem indischen Ozean wird ein Mann (Robert Redford) jäh aus dem Schlaf gerissen. Seine zwölf Meter lange Segelyacht hat einen im offenen Meer treibenden Schiffscontainer gerammt. Sein Navigations-Equipment und sein Funkgerät versagen in der Folge den Dienst und er treibt mitten in einen gewaltigen Sturm hinein. In letzter Minute gelingt es dem Mann, das Leck in seinem Boot notdürftig zu flicken. Er überlebt den Sturm dank seiner seemännischen Intuition und Erfahrung mit knapper Not. Praktisch manövrierunfähig treibt der Mann auf offener See. Seine letzte Hoffnung ist es, von der Strömung in eine der großen Schiffahrtsstrecken getrieben zu werden. Unter der unerbittlich sengenden Sonne, sieht sich der sonst so selbstbewusste und erfahrene Segler mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert und kämpft einen verzweifelten Kampf ums Überleben. (Text: Universum Film)
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Eure Kritiken zu All is lost

  1. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (20-01-14)

  2. Jan Kliemann

    Ich mag den Soundtrack auch wirklich sehr. Sie ist innovativ und hat den Golden Globe verdient, denke ich, obwohl ich Gravity musikalisch noch beeindruckender fand…

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