KRITIK

Alexander

Alexander „Den Wagenden hilft das Glück“, heißt es gleich zu Anfang des Films. Regie-Star Oliver Stone hat sehr viel gewagt und ist kläglich gescheitert. Das verwundert. Denn der amerikanische Regisseur ist der mehrfach ausgezeichnete König der filmischen Aufarbeitung einer historisch bedeutenden Figur („J.F.K.“, „Nixon“). Niemand sonst hatte sich bisher mit Biographien so tapfer und künstlerisch heldenhaft geschlagen wie er. Woran liegt es, dass „Alexander“ nicht zu Herzen gehen mag und einige Szenen unfreiwillige Lacher hervorrufen? Auf diese Frage kann es nur eine Antwort geben. Es liegt an der Opulenz der Bildsprache, der Ausstattung und des Sets. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen. Stones Dekadenz wirkt wie ein großer Topf kochender Milchsuppe, der zu lange auf der Herdplatte steht und überkocht. Am Ende bleibt nur ein angebrannter Beigeschmack. Belege für den faden Geschmack gibt es viele.
Nach der Ermordung von Alexanders Vater Philipp – eine Schlüsselszene, die tölpelhaft nachgereicht wird – befehligt Colin Farrells Alexander mit blondem Haarmopp den Rachefeldzug gegen die Perser. Bei Gaugamela schlägt er die numerisch weit überlegenen Heerscharen Dareios‘ II. in einem Gewaltgewitter, das bald blutrot auf den Kinozuschauer einbricht und bald aus der olympischen Perspektive eines Adlers geschildert wird. Alexanders taktischer Genius, mit dem er fast 80 Prozent der damals bekannten Welt erobern konnte, bleibt unklar.
Dann der triumphale Einmarsch in Babylon. Weißer Blütenregen begleitet die Eroberer-Schar um Alexander. Das Ischtartor, die Hängenden Gärten, … im Computer nachgebaut, wabern sie wie billige Fernsehgrafiken von der breiten Leinwand.

Nein, wenn eine Kino-Expedition dieser Größenordnung in die buchstäbliche Hose geht, liegt das selten an einer Fehlentscheidung. Es sind viele kleine falsche Abzweigungen, die einen Monumentalfilm entgleisen und zur Ruine werden lassen. Eine dieser falschen Abzweigungen ist Stones Idee, das Geschehen seines Films in einer langen Rückblende zu erzählen, die vom Tod Alexanders in Babylon und von der Entstehung der Lebenserinnerungen seines Generals Ptolemaios (Anthony Hopkins) zwanzig Jahre später in Alexandrien gerahmt wird. Der fast dreistündige Monolog von Anthony Hopkins zwischen Topfpflanzen und Papyrusrollen sieht wie schlechtes Fernsehen aus, und das ist schlimm. Denn es verrät viel über die Grundhaltung dieses Films: opulent und teuer, aber nicht teuer genug, um mit der Opulenz wirklich spielen zu können. In seinen schwächsten Momenten sieht „Alexander“ wie klassisches Ausstattungskino aus, nur ohne den Charme von damals.

Ein weitere Punkt ist die Charakterisierung der Hauptdarsteller. Viel Lärm ist beispielsweise um die „Sexualität“ im Vorfeld gemacht worden. Stones mascara-geschwärzte Darstellung von Bisexualität rief bekanntlich eine Phalanx griechischer Anwälte auf den Plan (obschon die einzige Freistil-Bettszene dem Eheweib Roxane vorbehalten ist). Man einigte sich auf einen Benutzerhinweis im Vorspann: In Alexanders Heimat heisst es da nun explizit, dass es sich um keine „historische Dokumentation“ handle. Als hätten Hollywoods Mythenfabrikanten solches je im Sinn; „historical consultants“, die für Glaubwürdigkeit bürgen, stehen auf der Lohnliste gleich neben „dialogue coaches“ und den Tigerdresseuren.

Stone war immer ein Übertreibungskünstler, er ließ die kleinen Tragödien groß, die großen riesenhaft aussehen, aber für die Tragik Alexanders des Großen hat er seltsamerweise keinen Blick.



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INHALT

Als Alexander heranwächst, führt sein Vater König Philipp I die lange als Barbaren verspotteten Makedonen zum Sieg über die griechischen Stadtstaaten. Noch bevor Philipp Herr über Griechenland wird, legt sich der Schatten dieses leidenschaftlichen und ungezügelten Mannes über seinen Sohn. Alexander kämpft um die Anerkennung seines Vaters, versucht ihm, aber auch den Erwartungen seiner Mutter Olympias gerecht zu werden, die ihren Mann verachtet und ihren Sohn zu einem mächtigen, aber kultivierten König machen will. Er soll ein Held, ein Mythos wie Achilles werden.

So wird Alexander und mit ihm sein bester Freund Hephaistion vom Philosophen Aristoteles unterrichtet und wächst zu einem feinsinnigen jungen Mann heran, der aber für den Vater eine Enttäuschung ist. Bis Alexander in Philipps Gegenwart einen wilden, unbezwingbaren Hengst zähmt, der den Namen Bucephalos erhält und später mit ihm bis nach Indien ziehen wird. Es ist Alexanders erster Moment von wahrer Größe.

Acht Jahre später hat sich Philipp mit Eurydike eine zweite, jüngere Frau genommen, die von ihm ein Kind erwartet. Olympias, die sich vor ihrer Ehe in den Schlangenkult des Dionysios geflüchtet hat, sieht ihre Pläne für sich und Alexander durch einen weiteren Erben gefährdet. Als Philipp seine Hochzeit und seine Bestätigung zum griechischen Bundesfeldherr beim geplanten Kriegszug gegen die Perser feiert, kommt es zum Eklat. Vom Onkel der Braut beleidigt, verteidigt Alexander den Ruf seiner Mutter, liefert sich mit seinem Vater ein wütendes Streitgespräch und bietet ihm trotzig die Stirn.

Kurze Zeit später wird Philipp von Pausanias, dem Anführer seiner Leibgarde, ermordet. Alexanders Stern beginnt zu leuchten. Jetzt ist er König von Makedonien, Herr über Griechenland und entschlossen, die Pläne seines Vaters umzusetzen: Rache zu nehmen an den Persern und Kleinasien von ihnen zu befreien. Mit etwa 40.000 Mann zieht er hinaus in die Welt.

Nach der Befreiung Kleinasiens und dem Einzug in Ägypten, wo er in der Oase Siwah als göttlicher Sohn des Zeus-Ammon empfangen wird, stellt sich Alexander in der Ebene von Gaugamela dem gewaltigen, übermächtig erscheinenden Heer des persischen Großkönigs Dareios III. Aufgrund seiner klugen Kriegsstrategie besiegt Alexander die Perser. Dareios flieht, doch weil Parmenion, der schon seinem Vater ergebene General, Unterstützung braucht, muss Alexander ihn entkommen lassen. Mit 25 Jahren hat er sein Ziel erreicht, ist aus dem Schatten des Vaters für immer herausgetreten, und ist jetzt König von Asien.

Mit Hephaistion an seiner Seite, der sein engster Vertrauter ist, zieht Alexander mit seinem Heer in Babylon ein. Fasziniert von der blühenden Metropole und der Kultur Mesopotamiens, erweist Alexander der Familie des Großkönigs seinen Respekt und träumt von der Verschmelzung des Orients mit dem Abendland. Damit entfernt er sich von den Lehren des Aristoteles, für den die exotischen, der Verschwendung und Maßlosigkeit verfallenen Kulturen minderwertig waren. Obwohl Alexanders Heerführer die Faszination ihres Königs nicht uneingeschränkt teilen, halten sie ihm aber weiter die Treue. Doch dann begeht Alexander einen schweren Fehler...
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Eure Kritiken zu Alexander

  1. Philipp

    Au Weia …Was für ein schwülstiger, langatmiger, konfuser Film. Langweilig erzählt, mit einer vollkommen unmotivierten Rückblende mittendrin, einem heulsusigen Alexander – nun gut, die andern sind auch alle Heulsusen.

    Vielleicht fand O. Stone es gut, dass ein Mann, der andere abmetzelt, auch weinen kann, aber im Film nervt’s. Die Motivation der Akteure wird auch nicht klar.

    Spart ihn Euch.

  2. Yanni

    BähAlso wirklich; kann man seine Zeit sinnloser verschwenden? Wohl kaum! Ein Lob an die mehrfilm-Kritik: Passender geht’s nicht!

  3. Spotfreunde

    würg kotz saublöd langweilig und auf jedenfall nicht sehenswert colin farell ist normalerweise ganz cool (z.b in Nicht Auflegen) aber hier unterbietet er sich selbst

  4. Colonia

    Aus dem Nebel der GeschichteAlexander (356 bis 323 v. Chr.) eifert seinem großen Vorbild Achilles nach. Und so auch sein Darsteller Colin Farrell Brad „Achilles“ Pitt – zumindest was das Tragen von blondierten Wallerhaaren betrifft.

    War der gute Brad in der Rolle des arroganten Schwertschlumpfes Achill noch irgendwie interessant, lässt mich die Figur des Alexander über sämtliche Stationen seines kurzen Erwachsenenlebens erstaunlich kalt. Was ihn wirklich treibt – Zentausende Männer im Schlepptau – jahrelang durch die ganze bekannte Welt von Europa über Persien bis nach Indien zu latschen, Völker zu unterwerfen und das Ende der Welt zu suchen, bleibt mir ein Rätsel.

    Die alte Schmollbacke Alexander kommt mir eher vor wie ein Schönling mit gehörigem Ödipuskomplex, von dem die einen sagen, er könne nicht lieben, während er selbst im Film dreitausend Mal seine Liebe zum Kollegen Hephaistion beteuert. Damit auch der letzte Kinozuschauer merkt, was läuft, wird häufiger mal ein lüstern blickender Jüngling ins Bild gesetzt. Holzhammer ick hör dir trapsen.

    Was wiederum einige Griechen schon im Vorfeld auf die Olivenbäume oder Palmen brachte. Ihr hochheiliger Alexander schwul?! Nie im Leben! Das wissen die frommen Helenen aber ganz genau, genau so wie Robin Lane Fox, der als Wissenschaftler Oliver Stone beim Film beriet. Nur dass der eben was anderes behauptet, weils immerhin möglich ist, damals sowieso alles ganz anders, jedenfalls aber grad schwer in Mode.

    Davon abgesehen gibts natürlich opulente Bilder, saftiges Gemetzel, Blut, Kampfgetümmel, große Worte von Ruhm und Ehre und dem ganzen Kram, den sich Männer so erzählen und einen grafisch exquisit gestalteten Vorspann. Das war alles nicht billig und sieht auch so aus.

    Der Film entlässt eine(n) gerädert aus dem Kinosaal. Er ist beeindruckend in seiner Optik. Wenn der alte Anthony Hopkins in der Rahmenhandlung ein nicht enden wollendes Geschwafel vom Stapel lässt, dann merkt auch der Letzte: Hoppla, die Geschichtsstunde hat begonnen. Jetzt aber mal zuhören, vielleicht wird ja nachher abgefragt.

    Zwiespältig auch die Gefühle bei der Musik. Da war Vangelis am Werk, dem man nun nicht vorwerfen kann am Fließband zu produzieren. Aber wenn man „Alexander“ hört, dann ist das ein fröhliches Zitate-Raten nicht nur Vangelis-eigener Soundtracks. Das klingt zuweilen scheußlich billig, weil unecht und synthetisch eingespielt, an anderen Stellen aber richtig toll, weil mit großem Orchester besetzt, aus dem Vollen des Klangraumes geschöpft und den bombastischen Bildern gerecht werdend. Zudem vermischt der Meister Klänge verschiedenster Kulturen und Zeiten, nicht immer passend, aber auf jeden Fall abwechslungsreich.

    Mir scheint, dass bei „Alexander“ ein paar Chancen vertan wurden. Wie muss doch zu Alexanders Zeit und noch lange danach für einen Europäer die Exotik von Indien oder Persien geradezu erschlagend gewesen sein. Staunend stehen die europäischen Kämpfer zwar vor der Pracht eines für den Film detailfroh nachgestalteten Babylon samt blau gekacheltem Stadttor (ein Teil des echten steht im Pergamon-Museum) und wundern sich – wenn auch nur kurz -, warum man alle anderen Kulturen immer als „Barbaren“ bezeichnet, aber die große Fremdheit und Andersartigkeit von allem will sich dem Zuschauer nicht recht vermitteln. Erstaunlicherweise je weniger, desto weiter Alexander in Richtung „Ende der Welt“ vordringt. Die Elefanten-Armee im indischen Dschungel ist dann nur noch kurze Randnotiz.

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