KRITIK

Aimer, boire et chanter – Life of Riley

Plakat_Aimer__boireDer kleine Maulwurf ist der Antichrist. Er schaufelt sich aus der Erde des bürgerlichen Vorgartens und knurrt: „Chaos regiert!“ Halt, stimmt gar nicht! Der Lars-von-Trier-Film war gestern. Der Handpuppen-Maulwurf taucht in einem anderen Film auf: im bieder, bukolisch und burlesk konzipierten Bühnenkino von Alain Resnais. „Das sind keine Lücken. Es sind Pausen“, verteidigt sich in dessen Theateradaption die gealterte Bühnenschauspielerin Kathryn (gespielt von Resnais´ Ehefrau Sabine Azéma) während einer Textprobe mit ihrem Gatten und Co-Darsteller Colin (Hippolyte Girardot), „Pausen für Lacher.“ Die soll es bei der Aufführung des Stücks, in dem die beiden und das befreundete Seniorenpaar Tamara (Caroline Silhol) und Jack (Michel Vuillermoz) auftreten werden, geben. Darum besteht die verkappte Alkoholikerin Kathryn auf die Dialogleerstellen, die unbeabsichtigt aufs peinlichste vorführen, wie witzlos das einstudierte Stück tatsächlich ist.

Der gleiche Effekt zeigt sich parallel bei der in schrulligen Kunstsets abgefilmten Bühnenproduktion, die der französische Altmeister in Berlin als harm- und belanglose Stilübung abliefert. Colin, der nebenbei Arzt ist, hat bei aller Protagonisten Freund George Riley eine tödliche Krankheit diagnostiziert. Bei den Frauen löst das eine Art morbider Torschlusspanik aus. Bevor der fidele und nie persönlich anwesende George endgültig die (doppelte) Bühne des Theaters und Lebens verlässt, will jede, inklusive der getrennt bei dem alten Farmer Simeon (Andre Dussolier) lebenden Gattin Monica (Sandrine Kiberlain) noch einmal zum Zuge kommen.

Das originellste an der manierierten Sittenkomödie sind die Pappmache-und-Plastik-Kulissen von Resnais Stammdekorateur Jacques Saulnier, der seit rund zehn Jahren ausschließlich mit dem Regisseur zusammenarbeitet. Und die in der Art eines Frontispiz vor die Sequenzen gesetzten Zeichnungen des französischen Comic-Künstlers Blutch. Dessen Bilder ersetzen den typischen Establishing Shot einer Sitcom. Einer solchen stehen die aufgesetzten Dialoge und der strapazierte Plot weit näher als der Theaterwelt, der sie entstammen.

Der englische Titel The Life of Riley ist der des Bühnenstücks von Alan Ayckbourn. Dessen Oeuvre hatte Resnais bereits für „Smoking/No Smoking“ und „Private Fears“ in Public Places herangezogen. Das Poster für ersten entwarf der Comic-Künstler Floc’h. Dessen Namen erwähne ich hier vor allem, da er geschrieben so ähnlich aussieht wie Blutch. Das wiederum erwähne ich, da der Einsatz von drolligen Comic-Bildern eines der Symptome des cineastischem Wiederholungszwangs des Filmemachers ist.

Bild (c) A. Borrel

Bild (c) A. Borrel

Resnais arbeitet gern mit den selben Darstellern, den selben Themen, den selben surrealen Effekten, den selben affektierten Dialogen, den selben skurrilen Metaphern, den selben sentimentalen Brüchen, den selben verspielten Sets. Und eben den selben Comic-Schnörkeln. Auf Dauer erzeugt dieser Turnus zumindest im Bezug auf seine jüngeren Werke den Jane-Austen-Roman-Effekt: Kennst du einen, kennst du alle. Nach mehreren Jahren in dieser Profession kenne ich alle doppelt und dreifach und verspüre keinerlei Bedürfnis, sie vierfach und fünffach zu kennen. Dass Resnais mittlerweile 91 Jahre alt ist und in Anbetracht seines umfangreichen Filmkanons Wiederholungen womöglich unvermeidlich sind und dass er vor ewigen Zeiten tatsächlich einmal etwas Genuines geschaffen hat, ist keine Entschuldigung dafür sein einfalls- und unterhaltungsarmes Alterswerk auf der Berlinale zu zeigen. Allein aus dem Grund, dass es sein Alterswerk ist.

Filmfestivals funktionieren aber nunmal genau so, genau wie die amateurpsychologischen Beziehungen, die der Plot zwischen aufgemalten Heckenblumen und Möbeln aus dem Requisiten-Lager ausbreitet. Sowohl auf freundschaftlicher als auch auf romantischer Ebene scheinen die drei Paare allein aus Lethargie und Konventionalismus aneinander zu hängen. Ihre mentale Welt ist noch beschränkter und jämmerlicher als die Bühnenwelt, in der sie agieren.

Ironischerweise wird dadurch das Szenario selbst zur Allegorie für das eigenwillige und dennoch kläglich eintönige Aktions-Repertoire des Regisseurs. Der kleine Maulwurf gräbt sich zweimal aus dem Kunstrasen in die Handlung und hat laut Resnais keinerlei tiefere Bedeutung. Damit passt er perfekt in den Rest des theatralischen Ensemblestücks.

 




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INHALT

Mitten in die Proben zu einem Theaterstück, das Colin und Kathryn mit ihrer Amateurgruppe aufführen wollen, platzt eine schreckliche Nachricht: Ihr Freund George ist schwer erkrankt und hat nur noch wenige Monate zu leben. Nicht nur für Kathryn, die einmal mit ihm liiert war, sondern auch für deren Freundinnen Tamara und Monica gerät die Welt aus den Fugen. Mit voller Wucht werden Gefühlsverwirrungen der eigenen Jugend und längst begrabene Lebensträume wieder lebendig. Zum Leidwesen ihrer bürgerlich soliden Ehemänner entbrennt unter den Frauen ein Streit darüber, wer George auf eine letzte Reise begleiten darf … Zum dritten Mal nach Smoking/No Smoking (1993) und Coeurs (2006) wählt der französische Altmeister Alain Resnais ein Theaterstück des britischen Autors Alan Ayckbourn als Vorlage. Dabei verdichtet er die Kunstwirklichkeit zu einem tragikomischen kleinen Welttheater. Mit der ironischen Distanz des weisen Menschenkenners reflektiert Resnais über die Macht von Liebe und Begehren und lässt die von ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Obsessionen getriebenen Figuren für einen Moment die eingefahrenen Gleise verlassen.
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