KRITIK

Abenteuer von Tim und Struppi, Die

Plakat zum Film Tim und StruppiDie Hergé-Helden, einmal gepixelt, nicht gezeichnet, bitte! In spätestens 20 Jahren wird man über diesen Film bestenfalls noch müde lächeln. So wie man heute über Walt Disney´s erste bewegte Zeichentrickbilder lächelt. Denn Steven Spielberg, der sich Mitte der Neunziger Jahre die Rechte an Georges Remi´s – genannt Hergé – Comicabenteuern „Tintin“, zu deutsch „Tim und Struppi“ gesichert hatte, schickt sich an, die Motion-Capture-Technik (reale Bewegungen werden am Computer digitalisiert) auf eine neue Stufe zu heben. Das Vorhaben ist riskant. Aber nur so, da ist sich Produzent und Regisseur Spielberg sicher, kann er die Gesetze der Physik außer Kraft setzen und gleichzeitig den liebevoll gezeichneten Hergé-Figuren Leben jenseits aller körperlichen Begrenzungen einhauchen. Doch auch dieses Vorhaben misslingt, wie so viele andere Motion-Capture-Versuche zuvor („Der Polarexpress“, „Die Legende von Beowulf“).

Bevor die Ernüchterung eintritt, darf aber gestaunt werden. Für jenes Abgründige, Plastische und Hölzerne, das die Comics seit den 30iger Jahren auszeichnet, wird gleich mit einer hervorragenden Eingangssequenz der Garaus gemacht. Die Hauptfigur Tim, ein junger Reporter („verkörpert“ von Jamie Bell), trifft auf einen Zeichner (Hergé selbst?), der ein Abbild des jungen Tim zeichnet: „Ziemlich gut getroffen“ kommentiert der Gezeichnete daraufhin sein Abbild. Das ist schon genial. Der Schauplatz des Geschehens ist Paris in den 30er Jahren. Es könnten aber auch die Vierziger oder Fünfziger sein. So zeit- wie weltentrückt nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Auf einem Trödelmarkt entdeckt der Reporter Tim ein kunstvoll gearbeitetes Modell eines alten Kriegsschiffes. Gleich nachdem er die titelgebende „Einhorn“ erstanden hat, tauchen kurz hintereinander zwei Männer auf. Die zwielichtigen Gestalten hegen großes Interesse an dem Modell. Warum sie es nicht schon längst erstanden oder gar ausfindig gemacht haben und warum sie gerade zu diesem Zeitpunkt auf dem Markt auftauchen bleibt im Unklaren. Als sich Tim auf die lukrativen Angebote der Herren für das Schiff nicht weiter einlässt, wird es ihm wenig später aus seiner Wohnung gestohlen. Tim hat sofort einen Verdacht. Seine Spur führt ihn zum sinistren Geschäftsmann Iwan Iwanovitsch Sakharin, der auch schon das Schloss in seinen Besitz gebracht hat, das einst der Familiensitz des Kapitäns der „Einhorn“ war.

Szene aus dem Film Die Abenteuer von Tim und StruppiSchnell wird klar, warum Spielberg an dieser Figur so interessiert war. Ein junger, cleverer Abenteurer stellt die Suche nach der Lösung des nächsten Rätsels über eigene persönliche Befindlichkeiten, Eigenheiten oder gar dem Reiz nach (finanziellem) Ruhm oder Anerkennung. Nicht nur die Abenteuerlust erinnert dabei an Spielberg´sche Figuren wie „Indiana Jones“, „Marty McFly“ oder „Peter Banning („Hook“) deren Geister in diesem Film weiterleben. Weitere Parallelen finden sich auch in der Zeichnung der Charaktere und der Welten, die zwar eine tiefe Verbeugung vor dem Schöpfer Hergé erkennen lassen, aber mit einer großen Portion Chuzpé und Vorstellungskraft im Spielberg´schen Sinne geformt wurden. Das geht sogar so weit, dass „The Adventures of Tintin“, so der Originaltitel des Films, beispielsweise im letzten Drittel eher „Das Dilemma des Captain Haddock“ heißen müsste, so verliebt zeigt sich Spielberg in seine zweite Figur, die immer mehr Leinwandzeit erhält und von Andy Sirkis („Gollum“ in den „Herr der Ringe“-Teilen) mitfühlend verkörpert wird.

Szene aus dem Film Die Abenteuer von Tim und StruppiDoch ob der effektvollen Opulenz des Setdesigns, der wilden Verfolgungs- und Fluchtszenen und der liebevoll animierten Figuren folgt die Ernüchterung bereits weit vor dem Abspann. Und das hat drei Gründe: Zum ersten wird jedem Comic- und Filmfan die Hauptfigur Tim durch seine zum Leben erweckten (spärlich) animierten Gesichtszüge so nah kommen, dass jedem die Unfehlbarkeit, Cleverness, der Ehrgeiz und die Unverwundbarkeit übel aufstoßen wird. Ja, Tim ist ein Streber. Doch im Gegensatz zum Hergé-Tim ist der Spielberg-Tim kein Motor, er ist ein Erfüllungsgehilfe. Er ist nicht, er geschieht. Tim hat keine Freunde, außer seinen treuen Hund Struppi und das Zwillingspärchen Thompson und Thompson, zu deutsch Schultz und Schultz. Er ist hier ein Unsympath.

Szene aus dem Film Die Abenteuer von Tim und StruppiZum zweiten wollen die drei Teile der Geschichte am Ende nicht zu einer filmischen Symphonie verschmelzen. Auch weil der Spannungsverlauf eher einer wilden Achterbahnfahrt gleicht als einer homogenen Kurve und das Auge des Betrachters ein ums andere Mal zwischen auktorialem und Ich-Erzähler hin und herspringen muss. Zum dritten gelingt es dem Score von John Williams (ausnahmsweise mal) nicht, die spannenden Momente mit einem passenden Klangteppich zu unterlegen, der nachhaltig im Ohr bleibt. Dabei hatte der Großmeister der Filmmusik so viele musikalische Themen („Star Wars“, „Indiana Jones“, „Harry Potter“) geschaffen, die unmittelbar mit ihren Filmen bzw. Figuren verknüpft sind… Sei´s drum. Am Ende bleibt also das große Nichts. Die Seele ging auf digitalem Weg verloren.

 

Kritikerspiegel Abenteuer von Tim und Struppi, Die



Christian Gertz
nadann... Wochenschau; mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Sascha Westphal
epd film, Die Welt, FR
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Bernhard Trecksel
Die Wochenschau
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Durchschnitt
6.5/10 ★★★★★★½☆☆☆ 





Ähnliche Beiträge:

INHALT

Reporter Tim (JAMIE BELL) und sein überaus loyaler Hund Struppi entdecken ein Schiffsmodell, in dem sich ein explosives Geheimnis verbirgt. Tim wird damit in ein Jahrhunderte altes Rätsel verwickelt und gerät ins Blickfeld des diabolischen Schurken Iwan Iwanowitsch Sakharin (DANIEL CRAIG), der davon überzeugt ist, dass Tim einen unermesslich wertvollen Schatz gestohlen hat, der mit dem niederträchtigen Piraten Rackham der Rote in Verbindung gebracht wird. Aber mit der Hilfe von Struppi, dem etwas grobschlächtigen und stets übellaunigen Kapitän Haddock (ANDY SERKIS) sowie den beiden unbeholfenen Detektiven Schulze & Schultze (NICK FROST und SIMON PEGG), reist Tim um die halbe Welt. Dabei gelingt es ihm, seine Gegner mit Gewitztheit und Schnelligkeit zu übertrumpfen, um in einer atemlosen Hatz den Ort zu finden, an dem das Wrack der Einhorn begraben liegt. In dem Piratenschiff verborgen, soll sich der Schlüssel zu unfassbarem Reichtum befinden... und ein uralter Fluch.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*