KRITIK

A History of Violence

A History of ViolenceDer Mann ist der Held der Stunde, ein amerikanisches Augenblicksidol, titelseitengroß gefeiert und von den Mitbürgern der Kleinstadt Millbrook, Indiana, bewundert. Tom Stall (Viggo Mortensen) hat zwei Gangster erschossen, die auf der Durchreise seinen Diner ausrauben wollten. Soviel kaltblütige Wehrhaftigkeit hätte man dem braven Familienvater gar nicht zugetraut – nicht, nachdem man ihn im Kreise seiner Lieben gesehen hat, die sich ums Bett der kleinen Tochter versammeln, weil sie nach einem Alptraum getröstet werden muss, dass es keine Monster gibt. Nicht, nachdem man ihn beim ehelichen Sex mit seiner hübschen Frau Edie (Maria Bello) beobachtet hat, die sich ins Cheerleader-Kostüm wirft, um die Liebe lebendig zu halten.

Aber Tom Stall vermag zu schießen, als hätte er nie etwas anderes getan. Und vielleicht ist genau das der Fall. Seine plötzliche Berühmtheit nämlich ruft weitere Bösewichter auf den Plan, in Gestalt des sinistren Carl Fogarty (Ed Harris) und seiner Begleiter, die behaupten, Tom heiße tatsächlich Joey Cusack und sei ein Mafiakiller aus Philadelphia.

David Cronenbergs programmatisch betitelter Film Noir, entstanden nach einer Graphic Novel von John Wagner und Vince Locke, erzählt von einem Mann, dessen blutige Vergangenheit ihn einholt. Doch mit dieser Westerner- und Thriller-Ebene gibt sich Cronenberg, der Radikal-Anthropologe, nicht zufrieden. So kühl-brachial, wie er in früheren Werken als Bio-Mechaniker über die Verschmelzung von Mensch und Maschine sinniert („Videodrome“; „Crash“) und so ekelfest, wie er als Körperweltenkundler die Entgrenzung der Leiber betrieben hat („Die Fliege“; „Die Unzertrennlichen“), derart kompromisslos und auch sarkastisch seziert er hier die Mythen der amerikanischen Gesellschaft.

Ohne den dogmatischen Furor des Kollegen Lars von Trier fördert er die Saat der Gewalt zutage, auf der die USA gründen – was ja auch Scorsese in seinem Blut-und-Boden-Epos „Gangs of New York“ versucht hat. Cronenberg aber beschreibt die Brutalität darüber hinausgehend als universelle, unauslöschliche Erbanlage – grandios, was sich in Viggo Mortensens Gesicht abspielt, wenn er seinem Sohn nach dessen erstem Schuss die Schrotflinte aus der Hand nimmt. Es gibt keine Monster. Nur Menschen.



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INHALT

Auf den ersten Blick ist Tom Stall ein ganz normaler amerikanischer Durchschnittsbürger: Restaurantbesitzer mit Frau, zwei netten Kindern und Einfamilienhaus draußen in der Provinz. Als aber eines Tages finstere Ganoven in seinen Gastronomiebetrieb dringen und Tom die Schädlinge überraschend professionell abschlachtet, ist es sowohl mit der Ruhe als auch mit einer gewissen Sicherheit vorbei. Die Medien fallen über das Idyll her, und die Familie fragt sich: Hat uns Papa etwa was verschwiegen?
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Eure Kritiken zu A History of Violence

  1. Manni

    Ein sehr sehenswerter Film von Cronenberg, der mit der Spielzeit immer spannender wird. Und auch wenn es nichts für Zartbesaitete Zeitgenossen ist, es ist und bleibt ein echter Cronenberg.

  2. Colonia

    AlbernSchön, der Film nimmt sich viel Zeit, seine Figuren in aller Ausführlichkeit zu zeichnen. Sogar solche, bei denen das gar nicht nötig gewesen wäre: Die beiden Killer, die Tom in seinem Kaffeeladen erschießt, zum Beispiel. Aber vielleicht braucht der durchschnittliche Moralapostel diese Bestätigung, dass Tom da wirklichen und echten Drecksäcken das Licht auspustet.

     

    Die Familie wird zunächst in derartigem Rührkitsch gezeichnet, dass es weh tut: Hier noch ein Kuss und noch ein Schmatzer und da noch ein „Schatz“ hier, „Schatz“ da. Auch der intellektuell eher übersichtlich begabte Zuschauer hats dann irgendwann begriffen, will man meinen. Und endlich kann es los gehen. Denkste.

     

    Die Story war zumindest in den ersten beiden Dritteln des Film duch den Trailer bekannt und barg keine Überraschungen mehr. Dafür einige nette Splatter-Einlagen und einen wirklich gut agierenden Viggo Mortensen.

     

    Aber Anderes ist fürchterlich aufgesetzt: Autos, die bedrohlich inszeniert werden, weil böse Männer sie fahren, das Weichei, das irgendwann mit zehnfahcher Härte zurückschlägt, die Familie, Trutzburg und Keimzelle der Gesellschaft, die muffige Landidylle.

     

    Und was tut der Gangster von heute so? Na, er wohnt natürlich in einem fetten Schloss mit vielen Bodyguards. Ohne Familie.

     

    Ach ja: Nette vor sich hin plätschernde Musik (Howard Shore).

     

    In den USA dürfte der Film wohl erst ab 25 freigegeben sein. Und das kaum wegen der Gewaltszenen 😉

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