KRITIK

A Ghost Story

Plakat zum Film "A Ghost Story" mit einem Gespenst vor einer grauen Wand.

Bild (c) Universal Pictures Germany.

In seinem Film „A Ghost Story“ möchte Regisseur David Lowery nicht nur eine Geschichte mit – sondern vor allem über einen Geist erzählen. Dieser Geist soll nicht erschrecken sondern er soll Empathie erzeugen. Deshalb scheint er viel mehr der Fantasie eines Vorschülers entsprungen zu sein. Über die meiste Zeit betrachtet der Zuschauer ein weißes Laken mit zwei tiefschwarzen Löchern als Augen. Es ist einer der größten Verdienste von Lowery und damit des Films, dass er dieser skurrilen Gestalt ein unheimlich emotionales Gewicht verleiht. Denn in dem „Gesicht“ des Geistes spiegelt sich eine Melancholie wieder, die sich gleichwohl durch den ganzen Film zieht.

Nach einem kurzen Prolog, mit dem in verschiedenen Szenen die Ehe der Hauptcharaktere „C“ (Casey Affleck) und „M“ (Rooney Mara) skizziert wird, klärt sich unvermittelt und ohne einen Funken melodramatisches Pathos die Frage nach dem Ableben des „Geistes“, indem der verheerende Unfall gezeigt wird, der „C“ das Leben kostete. Kurze Zeit später steht „M“ sichtlich konsterniert an seinem Totenbett in einer Leichenhalle. Als „M“ den Raum verlässt, bleibt die Kamera auf das Bett fixiert. „C“ erhebt sich samt Bettlaken und kehrt in der Folge zum gemeinsamen Haus zurück. Er scheint genauso besessen von dem Haus zu sein wie das Haus von ihm. In seiner neuen Gestalt gleitet er durch die Zeit und kann sich nicht von diesem Ort trennen, auch lange nachdem seine Frau weggezogen ist.

Szene aus dem Film "A Ghost Story" mit Rooney Mara und Casey Affleck auf der Couch.Bis zu diesem Moment ist Rooney Maras „M“ der Mittelpunkt des Films. Und zwar wortwörtlich, denn die Kamera positioniert sie in fast jeder Einstellung genau in der Mitte. Dort verharrt das Bild sehr oft, sodass der Fokus des Zuschauers durch den Raum wandert. Wo im zeitgenössischen Blockbusterkino häufig ein Bombardement an Schnitten auf den Zuschauer einprasselt, nimmt sich David Lowery die Zeit, das Verhalten seiner Charaktere und deren Umgebung genau zu inspizieren. Jede Lichtreflektion, jedes kleinste Geräusch, jede minimalste Änderung der Mimik kann so einen spürbaren Eindruck hinterlassen. Diese meditative Atmosphäre hat viel mit der Herangehensweise eines anderen, wesentlich älteren Regisseurs gemein: Terrence Malick. Wo Malick jedoch seine ruhigen Sequenzen gerne mit einem poetischen Voiceover unterlegt, setzt Lowery ganz auf die Kraft der Stille. Ähnlich wie beispielsweise bei Kelly Reichhardt („Certain Woman“) sagen die Charaktere alles, wenn sie nichts sagen. Maras und Afflecks subtile Art, eine innige Verbindung in nur wenigen Szenen glaubwürdig aufzubauen, ist beeindruckend.

Die beiden Hauptdarsteller teilen sich den Film quasi untereinander auf. Die erste Hälfte gehört der trauernden Rooney Mara. Ihre eindringliche Performance erreicht ihren Höhepunkt, als sie nur einen Kuchen ist. Doch in dieser weiteren sehr langen Einstellung durchlebt sie nuanciert jede Stufe der Trauer. Hier wird die Intimität, mit der der Film seine Geschichte erzählt, fast unangenehm. Wenn Mara als „M“ ungelenk die Stücke in sich hineinstopft, während ihr der Rotz aus der Nase läuft, fühlt man sich als Zuschauer unweigerlich voyeuristisch.

Die Kamera von Andrew Droz Palermo rührt sich jedoch kein bisschen und entlässt den Charakter und den Betrachter erst spät aus dieser beklemmenden Situation. Als „M“ schließlich diesem Haus, das sie nicht vergessen lässt, endgültig den Rücken kehrt, endet ihr Bogen der Geschichte in einer der wunderschönsten Szenen des Kinojahres. Es ist fast schade, dass dies nicht das Ende des gesamten Filmes sein kann.

Szene aus dem Film "A Ghost Story" mit Rooney Mara und einem Geist in einem Raum.Doch jetzt steht Casey Afflecks Gespenst im Zentrum. Er hat eine unheimliche Präsenz durch das außergewöhnliche Kostümdesign. Da der Geist dreidimensional im Raum steht wirkt er auch als Wesen dreidimensional. Dazu gehören profunde Emotionen und nachvollziehbare Handlungen. In einer grandiosen Revision des klassischen Poltergeists-Motivs demoliert der Geist die Küche der neueingezogenen Familie. Ist dies sonst der boshafte Akt dunkler Mächte, betrachtet man in diesem Moment die Szene aus der Sicht des Geistes. Nun schmeißt eine verzweifelte Gestalt Teller durch den Raum und drückt so ihren Frust über den Verlust der Vergangenheit aus.

„A Ghost Story“ ist mehr intimes Drama, kein Horrorfilm. Doch Elemente dieses Genres sind immer wieder erkennbar. An einer Stelle gibt es sogar einen deftigen Jumpscare. So abgenutzt dieses Mittel im konventionellen Horror ist, so wirkungsvoll ist es hier, da man in keinster Weise damit rechnet.

Szene aus dem Film "A Ghost Story" mit Rooney Mara und einem Geist in einem Haus. Wie man mit dem Verlust der Vergangenheit umgeht, das ist bei Lowery die zentrale Frage. Der US-Amerikaner, Jahrgang 1980, webt Rückblenden sehr elegant in das laufende Narrativ, sodass sie den Fluss der Geschichte nie unterbrechen. Sie zeigen, wie das Vergangene in der Gegenwart präsent sein kann. Wenn „M“ ein Musikstück ihres Mannes hört, wird sie zu dem Moment transportiert, als er es ihr zuerst gezeigt hat. Für den Zuschauer ist dies Gegenwart, da er den Moment direkt beiwohnt. Doch „M“ scheint ebenso diesen vergangenen Moment im Hier und Jetzt noch einmal zu erleben. Normalerweise haben Rückblenden die Tendenz, die Erinnerung vom gegenwärtigen Moment der Geschichte zu trennen. Der Song, den sie hört, läuft jedoch durch, während die Szene in der Zeit vor und zurück springt. So verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart miteinander. Dies verdeutlicht, wie schwer es „M“ fällt, mit dem Geschehenem abzuschließen.

Die Vermischung der verschiedenen Ebenen der Zeit ist ein weiteres wichtiges Motiv des Films. Dies betont Lowery durch einen kleinen Twist am Ende vielleicht etwas zu offensiv. Abgesehen davon, dass diese Art von Twist anderswo schon prominent benutzt wurde, vermittelt Lowery seine Gedanken zu Leben, Tod und Zeit sonst äußerst subtil. Da wirkt diese Wendung fehlplatziert. Belässt er es meist bei einem Wink, wedelt der Film hier mit dem ganzen Zaun.
Dies trübt die im doppelten Sinne geistreiche Behandlung tiefgründiger Themen aber nur wenig. Zusammen mit der behutsamen Inszenierung und dem sensationellen Soundtrack ist „A Ghost Story“ sicherlich eines der cineastischen Highlights des Jahres.

 

Kritikerspiegel A Ghost Story



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Christian Gertz
Nadann ... Wochenschau, mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Durchschnitt
8.5/10 ★★★★★★★★½☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.



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