KRITIK

66/67 – Fairplay war gestern

67 - Fairplay war gestern Fußball und Film. Jedes für sich sicherlich die zweitschönste Nebensache der Welt. Zumindest für viele. Doch Fußball und Film zusammen? Wie soll das funktionieren? Hat das jemals funktioniert? Augenscheinlich weisen beide in ihren kommerziellen Spielarten große Parallelen auf. Das hatte einst Jan Tilman Schwab herausgefunden und sogar ein sehr lesenswertes Buch darüber geschrieben. „Beide sind Teil der Unterhaltungsindustrie, und beide die auf ihrem Sektor konkurrenzlos führenden. Beide sind kollektive Anstrengungen, gelingen zumeist nur als Teamwork. Beide haben die Bewegung als zentrales Moment und beide vermögen beim Betrachtenden starke Emotionen auszulösen.“ ist bei ihm zu lesen. So weit so gut.

Doch das Image des Fußballfilms unter Cineasten ist schlecht. Und mehr noch, es war noch nie gut. Nach den obigen Feststellungen von Jan Schwap wundert das nicht, rührt doch die Unvereinbarkeit von Fußball und Kino von ihrer Ähnlichkeit her, nämlich der Überschneidung zweier Kraftwerke der Gefühle, die sich in Dramaturgie und Inszenierung ausdrücke. Ist vielleicht deshalb der neue Film des Duos Carsten Ludwig und Jan Christoph Glaser ein Flop? Konnte er überhaupt gelingen? Neben den zahlreichen Beweisen, die die Filmhistorie bislang für die These der Unvereinbarkeit bereithält (Tomy Wigands „Fußball ist unser Leben“, Barry Skolnicks „Mean Machine“ oder Ute Wielands „FC Venus“) gibt es nur ganz wenige Ausnahmen, ganz wenige gute „Fußball im Film“-Filme. Einige dieser Perlen hat beispielsweise die Redaktion des Fußball-Fachmagazins „11 Freunde“ unlängst zu einer Kompilation zusammengetragen. Doch selbst in dieser „Best of the Best“-Kompilation lassen sich die Highlights an einer Hand abzählen.

Das Duo Carsten Ludwig und Jan Christoph Glaser geht auf Nummer sicher. In ihrem Film mit dem missverständlichen Titel „66/67 – Fairplay war gestern“, der die Alltagsprobleme von sechs Freunden beleuchtet, die ihre große Liebe zur Fußballmannschaft Eintracht Braunschweig auch im Alter von Ende 20 bzw. über 30 immer noch zusammenhält, ist in keiner Szene ein rollender Ball zu sehen. „Im Fokus unseres Interesses standen die komplexen, ja schwierigen Charaktere. In ihnen zeigen sich alle Facetten menschlicher Existenz, auch die negativen. Aber nicht nur.“, so Regisseur Carsten Ludwig, selbst großer Fan von Eintracht Braunschweig, in einem Interview.

Sechs komplexe Charaktere, sechs Schicksale, die Liebe zu einem Fußballverein und dazu ein Plot, der um das Thema „Gewaltbereitschaft bei Fußballfans“ kreisen soll, damit hat sich das Duo Ludwig/Glaser schlichtweg übernommen. Zwar sind die Einzelgeschichten mehr oder weniger glaubhaft skizziert, auch die Darsteller allen voran Christoph Bach als undurchsichtiger Otto und Fabian Hinrichs als Anführer Florian wissen zu überzeugen, doch das Gesamtergebnis ist eine Enttäuschung. Dem Ensemblefilm mangelt es an einem stringenten Rhythmus, die Einzelschicksale werden den Zuschauern zusammenhangslos und teilweise in Rückblenden vor die Füße geworfen; ist der Zuschauer mit einer Figur einigermaßen „warm geworden“, springt die Geschichte zur nächsten Figur, um dann wieder zur alten Figur zurück zu kommen. Lediglich in zwei Privaträumen ist der Zuschauer im Film zu Gast. Zu wenig, um die Protagonisten näher kennen zu lernen.

In diesem Film, der etwas Licht in den immer länger und bedrohlicher werdenden dunklen Tunnel der deutschen Hooligan-Szene bingen sollte, geht es nicht um Gruppendynamik, es geht um Einzelschicksale. Jeder Fan-Übergiff auf eine andere Gruppe sieht hier aus wie ein Lausbubenstreich. „Thema verfehlt“ würde dazu unter einer Deutschklausur stehen. Hier überschneiden sich somit nicht nur zwei (Film und Fußball), sondern gleich mehrere Kraftwerke der Gefühle. Das ist im Ergebnis dann in etwa so spannend wie ein missratenes, weil fehl gezündetes Freitagabendfeuerwerk auf einer Dorfkirmes.



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INHALT

Für sechs junge Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, bildet der Fanclub des Fußballvereins Eintracht Braunschweig das Zentrum ihres Lebens und ihrer Freundschaft. 66/67 ist der Name ihres Clubs und das Jahr, in dem Eintracht Braunschweig Deutscher Meister wurde. Florian, Otto, Henning, Christian, Tamer und Mischa haben sich mit ihrem 66/67-Branding nicht nur heroisch das Versprechen gegeben bedingungslos, für einander einzustehen, sie zelebrieren nach Abpfiff der regulären Spielzeit auch den Spaß an der Gewalt in der dritten Halbzeit. Dabei gehen sie mit einer Radikalität vor, die keine Rücksicht auf Schmerzen zulässt.

Hinter dem Fan-Dasein steckt jedoch der tiefe Wunsch, eine Konstante im Leben zu finden, die unantastbar ist – ihre Freundschaft Nach und nach entdecken die Jungs jedoch, dass ihre individuellen Schwierigkeiten nicht mehr innerhalb der Gruppe zu lösen sind. Jeder der Protagonisten hat seine eigenen Probleme, die sich hauptsächlich außerhalb des Stadions befinden. Die Freunde müssen feststellen, dass nicht ihr Verein, sondern sie selbst vor ihren größten Herausforderungen stehen…
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