KRITIK

39,90

39,90 Im Jahr 2001 veröffentlichte der erfolgreiche französische Werbetexter Frédéric Beigbeder einen Enthüllungsroman über die käufliche Welt der Werbung – der Titel „39,90“ bezog sich auf den Preis des Bandes in Mark –, ließ sich dafür medienwirksam von seinem bisherigen Arbeitgeber feuern und machte damit in eigener Sache aufs genialischste das, was er eigentlich lärmend anprangerte: Werbung.

Für Naomi-Klein-Leser und andere konsumkritische Geister kam Beigbeders zynisches Pamphlet über die kreative Kleingeisterei und das zugekokste Luxusleben der Reklametreibenden einer Offenbarung gleich. Doch die grell-hysterische Verfilmung durch den niederländischen Regisseur Jan Kounen kommt zu spät: Die vorlaut-selbstverliebte Attacke gegen die moralisch verkommenen Rollkragenpulliträger verharrt im Oberflächlichen. Kounen, der passenderweise selbst lange als Werbefilmer wirkte (und einst den brutalistischen Thriller „Dobermann“ verbrach), setzt in seiner Satire mit Trickfilmsequenzen, Kotz- und Ekeldrastik, knallbunten Farben und gleich zwei Finalvarianten auf alle Techniken des Werbefernsehens – was ihm souverän gelingt. Es stellt sich aber die Frage, ob er den Feind mit dessen eigenen Mitteln schlagen wollte – oder ob er doch nur in die Faszinosum-Falle gerannt ist.

Octave, das Werbegenie, um das sich hier alles dreht, wird vom Pariser Kabarettisten Jean Dujardin gespielt – der mit Designer-Hornbrille aussieht wie eine Karikatur Beigbeders. Nur sympathisch oder wenigstens echt wirkt er nie. Nach einer persönlichen Liebeskatastrophe rächt er sich am flachen Reklamegeschäft – mit einem gefälschten Joghurt-Werbespot.

Das hat garstige Momente, doch der überhitzte Frontalangriff auf die nickelbebrillten Laptop-Täter kommt alsbald ins Stocken. Was wütend sein soll, wirkt am Ende eitel, fast wehleidig, und kann vor allem eins nicht verhehlen: Geworben wird auch hier. Für Octave nämlich, also Beigbeder, den taffsten aller Werber.



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Octave ist erfolgreicher Werbetexter bei der Pariser Agentur "Ross & Witchcraft". Eine verlorene Liebe stürzt ihn in eine Sinnkrise und lässt ihn gegen seine Auftraggeber rebellieren.
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