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Mrz 2013
04
„3096 Tage“ von Sherry Horman

Vom Interview über den Talkshowauftritt, das Buch bis hin zur Kinoverwertung – ein Opfer bzw. eine Opfergeschichte geht ihren Weg. Wer damit ein Problem hat, hat selbst ein persönliches Problem. Natascha Kampusch beweist Stärke. Bis heute. Als Achtzehnjährige konnte sich die Österreicherin 2006 nach mehr als achtjähriger Gefangenschaft aus dem Verlies ihres Peinigers Wolfgang Priklopil befreien. Kaum ein anderer Kriminalfall im Europa der Nachkriegszeit hat die Menschen und die Medien so sehr bewegt.

Ein dreiköpfiges Beraterteam stand Natascha Kampusch nach ihrer Befreihung wochen- ja monatelang zur Seite. Ihr Medienberater Dietmar Ecker riet zur Sorgfalt, Natascha Kampusch schrieb erst einen Brief an „die liebe Weltöffentlichkeit“, zwei Wochen später gab sie das erste TV-Interview, zwei Jahre später hatte sie ihre eigene TV-Show, knapp vier Jahre nach dem Martyrium gab es erste Gespräche über einen Kinofilm, über 4 Jahre später veröffentlichte sie ihrer Biographie „3096 Tage“. Die Geschichte eines Opfers als Unterhaltungsprodukt. Ob man nacherzählte Spielfilme wie zum Beispiel „Picco“, „Netzangriff“, „BenX“ oder eben „3096 Tage“, die eine Kriminalgeschichte aus Sicht des Opfers zeigen, sehen muss, soll oder will, bleibt nicht die einzige offene Frage. Der Autor, Regisseur und Produzent Bernd Eichinger war sich im Jahre 2010 sicher, der Fall Kampusch gehört auf die Leinwand. Lange Gespräche mit Natascha Kampusch folgten. Als Eichinger im Januar 2011 plötzlich verstarb, vollendete Ruth Toma das Drehbuch.

145.000 Zuschauer wollten die Geschichte am Startwochenende in Deutschland im Kino sehen. Dazu das Positive zuerst: Der Film macht wenig falsch. Eichinger/Toma vermieden penibel, dass es zu einer Dämonisierung des Täters kommt. Eichingers Wunschregisseurin Sherry Horman und Kamera(Ehe)mann Michael Ballhaus kleiden das Martyrium in karge, distanzierte Bilder. Das Erzähltempo ist ruhig und sorgt immer wieder für Beklemmung. Hauptdarstellerin Antonia Campbell-Hughes verkörpert nicht nur physisch die Opferrolle sehr überzeugend. Auch auf jegliches Täter- oder Opfer-Pathos verzichtet das Ehepaar Horman/Ballhaus. Dadurch entsteht eine kühle, ja fast mutlose Nacherzählung, die zwar nichts verharmlost aber teilweise recht teilnahmslos wirkt. Und, die nicht zuletzt mit der letzten Szene zum Ärgernis wird. Am Schluss wirft der Film den Medien Hysterie vor. Eine Hysterie, die Natascha Kampusch selbst seit Jahren immer wieder befeuert. Und diese Anklage wirkt völlig deplatziert. Zudem sollten junge Eltern diesen Film unbedingt auslassen.

  



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