KRITIK

3 Türken und ein Baby

Bild (c) Wild Bunch 2014.

Bild (c) Wild Bunch 2014.

Wir Türken können doch so gut mit Babys“ sagt eine Krankenschwester in einer frühen Szene zum widerwilligen Ersatz-Babysitter Celal (Kostja Ullmann). Das wäre zumindest ein originelles Türken-Klischee von Sinan Akkus. Der Regisseur und Co-Drehbuchautor beweist in seiner zweiten Kino-Komödie erneut: Comedy zu spielen prädestiniert noch lange nicht dazu, Comedy zu drehen.

Dass der Klamauk um drei Deutsch-Türken, die sich wie Teenager aufführen, obwohl sie reif für die Midlife-Crisis wären, zum Fremdschämen unkomisch ist, ist garantiert ein raffinierter Schachzug von Akkus und dient der Belehrung der Zuschauer über Vorurteile. Die stimmen nämlich gar nicht! Sonst wäre Akkus Baby-Film ja gut. Bisher dachte vielleicht jeder, Türken „können nur so gut“ mit Schneidereien, Handy-Läden und Deutsch-Rap. Aber das Brautmodengeschäft des Titel-Trios ist bankrott, von einem Handy-Laden in der mietverschuldeten Laden-Wohnung will Celals älterer Bruder Sami (Kida Ramadan) eingedenk der Familientradition nichts wissen und der jüngste Bruder Mesut (Ekrem Bora alias Eko Fresh) musiziert mit Sombrero für einen unsäglichen Country-Straßensänger. Aber keine Sorge, niemand muss hier seine eigenen Ressentiments hinterfragen. Ein paar kulturübergreifenden Klischees stimmen natürlich schon. Vermieter sind allesamt arrivierte Golfclub-Mitglieder wie Herr Holzapfel (Alexander Beyer), der die zahlungsunfähigen Jungs auf die Straße setzt. Reiche alte Damen wie seine Mutter (Elena Krause) stehen auf Dirty Talk mit osteuropäischen Callboys. Junge Frauen, die in einer Beziehung Schluss machen und danach mit einem anderen ein Kind haben, sind Schlampen wie Celals Ex Anna (Jytte-Merle Böhrnsen), die das Baby für die 3 Türken liefert.

Szene-tuerken-und-ein-babyLeiter von Anti-Aggressionskursen wie dem, in dem Sami seine Wutausbrüche zu beherrschen lernen will, sind Gute-Laune-Tee trinkende Schluffis. Schwule wie Annas One-Night-Stand Caspar (Jacob Matschenz), dem Celal die kleine Tochter der nach einem Unfall im Koma liegenden Anna andrehen will, sind noch größere Schluffis. Mutti ist die Beste, die deutsche Polizei hingegen einfach peinlich. Okay, das mit der deutschen Polizei stimmt vielleicht wirklich. Aber davon abgesehen darf man sich unablässig zur eigene kulturellen Aufgeklärtheit und Toleranz gratulieren. Immerhin weiß man im Gegensatz zu einigen Protagonisten, dass es einen Imam nicht auf Rezept in der Apotheke gibt, zu Ramadan keine Geschenke verteilt werden und Moslems keine Kippa tragen. Haben manche von uns ohne den einmal erwähnten „islamischen Migrationshintergrund“ nicht sogar mal Ayran Mango getrunken? Der Culture Clash in der laut Presseverkündung „hinreißend verrückten Culture-Clash-Komödie“ jedenfalls findet nie statt, weder auf der Leinwand, noch davor. Sami, Mesut und Celal sind tadellos integriert.

Das stellt Sami wörtlich fest, als er über Celal, der das gemeinsam für Notzeiten ererbte Gold verzockt, schmollt: die früh verstorbene Mami mahnte zwar, die Brüder sollten sich „nicht Fremd in der Fremde“ sein, aber Deutschland ist für sie eben nicht die Fremde. Sogar filmisch integriert sich Akkus buchstäbliche Bromance perfekt in die deutsche Komödienlandschaft: Proll-Witze, Kalauer und aalglatte einfallsfreie TV-Optik. Damit Genre-Fans nicht nur bei Songs von Eko Fresh „Ey, kenn ich!“ rufen können, gibt es obendrein Gastauftritte vom omnipräsenten Axel Stein und „Stromberg“ Christoph Maria Herbst. Letzter kann den Mangel an Liebenswürdigkeit, der ein Interesse an den Figuren zusätzlich erschwert, leider auch nicht ausgleichen. Wie Mesut zu Beginn einsieht: „Fernsehen macht kaputt, Bruder.“ Kino auf diesem Niveau auch.

 




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