KRITIK

2046

2046
Alle unsere Erinnerungen sind in Tränen gebadet, so heißt es zu Beginn dieser zeitentrückten Sehnsuchtsballade von Wong Kar-Wai. Der Schriftsteller Chow Mo-Wan (Tony Leung), den wir als Zufallsromantiker aus der wundervollen Hotelzimmeroper „In the Mood for Love“ kennen, formuliert das melancholische Credo als Abgesang auf die eigenen Herzenshoffnungen.

„2046“ ist nicht im eigentlichen Sinne eine Fortsetzung von „In the Mood for Love“, schon allein, weil beide Projekte parallel entstanden. Wong Kar-Wai selbst bezeichnet sein jüngstes Werk als Symphonie, den Vorgängerfilm als einen ihrer Sätze.

Tatsächlich ist „2046“, dessen Titel auch auf das Versprechen Deng Xiao Pings anspielt, fünfzig Jahre nach der Übergabe Hongkongs an China werde sich nichts verändert haben, eine grandios komponierte Abschiedsarie, eine pathosdurchwehte Geschichte vom Suchen und Verfluchen der Liebe. Getragen einmal mehr von ergreifender Musik, teils vom Fassbinder-Komponisten Peer Raben arrangiert, teils Truffauts Meister-Musiker Georges Delerue entliehen, harmonisch ergänzt durch Bellinis „Casta Diva“ oder Dean Martins „Sway“. Phänomenal bebildert von Kameramann Christopher Doyle, der das enge, verlebte 60er-Jahre-Ambiente des Hotels Oriental in schauprachtberstende Cinemascope-Panoramen fasst und traumtänzerische Zeitlupenaufnahmen von Gesichtern und Gesten zelebriert.

Exzellent gespielt schließlich von Tony Leung, der sich als Mann ohne Leidenschaften gefällt und sich in wiederkehrenden Sciencefiction-Passagen in die Androidenwelt der von ihm erfundenen Megalopolis „2046“ imaginiert; und ebenso von den faszinierenden Frauen, die elementarteilchengleich um ihn schwirren: Gong Li, Carina Lau, Zhang Ziyi und, in Rückblenden, Meggie Cheung.

Es liegt wohl in der Natur des Themas, dass, trotz aller Kunstfertigkeit von „2046“, „In the Mood for Love“ der berührendere Film bleibt, weil er von der Kraft des Augenblicks erzählt und nicht von jener Vergänglichkeit, die schon Shakespeare umtrieb: „Wenn einer liebte, doch verlor, bleibt nichts, als zähneknirschend Stund um Stund zerkauen und spucken auf das Feuer der Erinnerung.“



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INHALT

Ein Mann zwischen Vergangenheit und Zukunft. Hongkong 1966: Schriftsteller Chow hat die Trennung von seiner Verlobten überwunden und arbeitet nun im Hotelzimmer 2046 an seinem neuen Science-Fiction-Roman. Nebenbei stillt er seinen Nachholbedarf auf romantischer Ebene, ohne je die Gefühle zu vertiefen oder Traumfrau Su aus dem Gedächtnis zu verlieren. Weder die schöne Unbekannte noch die Tochter des Hoteliers oder die Prostituierte, die ihn aufrichtig liebt, können ihn aus seiner Einsamkeit befreien. Auf der Suche nach der Liebe seines Lebens lässt Chow vor seinem inneren Auge alle vergangenen Liebesaffären wieder aufleben. In seinem Kopf entsteht ein faszinierender Bilderreigen, ein Sog aus schönen und traurigen Gefühlen, geheimen Sehnsüchten und wilden Leidenschaften. Und bald wird klar, dass Phantasie und Erinnerung untrennbar miteinander verbunden sind.
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Eure Kritiken zu 2046

  1. Manni

    Da fehlt aber ein Punkt..Ein Meisterwerk, ohne weitere Worte..

  2. LeoderProfi

    Ich kann den Vorrednern hier nur zustimmen. Ein Meisterwerk, das man nicht verpassen sollte – unbedingt ansehen….

  3. Gong

    Ja, hallo, den Film sollte man nicht verpassen.. Nette Seite hier, Gruß!

  4. Colonia

    100 Stunden später“100 Stunden später“ ist ein Begriff, der im Film mehrfach vorkommt. 100 Stunden später weiß ich immer noch nicht, was ich von „2046“ halten soll. Er erzählt mir etwas über verpasste Chancen im Leben, über Begegnungen und (hausgemachte) Einsamkeit. Das alles im betechenden Dekor eines sehr westlich geprägten Hongkong der 60er Jahre. Diese Atmosphäre ist umso bemerkenswerter, da in über zwei Stunden schwerer Filmkost fast ausschließlich Gesichter in Großaufnahme zu sehen sind.

    Als der Name Tony Leung Chiu-wai im Vorspann auftaucht kichern die chinesischen Mädels in meiner Reihe in aufgeregter Vorfreude. Und als er in seiner Rolle als pomadeglänzender Casanova der Abteilung „Männer sind Schweine – aber charmant“ Süßholzraspeln auf Chinesisch praktiziert, kichern sie noch mehr.

    Am Ende des Films erbibt alles irgendwie einen Sinn: Die verschachtelten Erzählebenen, die vielen Puzzleteile, der Roman im Film, die Opernarien, die Zeitsprünge aus den realen 60ern ins fiktionale 2046. Aber komplett anfreunden kann ich mich mit „2046“ deswegen dennoch nicht.

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