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Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht

Plakat_andere_HeimatMan kommt in diesen Tagen nicht umhin, sich ein paar Gedanken zum Thema „Heimat“ zu machen. Auch wenn der Begriff in Zeiten von Flüchtlingsströmen, Neu-Orientierungen und politischem Gezänk sehr überstrapaziert scheint. Doch was ist Heimat? Wo ist Heimat? Als filmbegeisterter, kulturinteressierter Rezepient fallen mir dazu spontan die Filme von Edgar Reitz ein. Nicht nur aus der Themenwoche „Heimat“ der ARD, vielleicht könnten sich auch einige filmbegeisterte Fernsehzuschauer mit mir an seine drei ausufernden Heimat-Serien erinnern, die zuerst 1984, 1993 und 2004 über die Bildschirme flimmerten. In zahlreichen Episoden hatte Edgar Reitz ein anspruchsvolles Zeitgemälde deutscher Geschichte von 1919 bis zur Jahrtausendwende nachgezeichnet.

Mit „Die andere Heimat“ geht Reitz noch weiter zurück, ins vorrevolutionäre Deutschland des Jahres 1840. Wenn man so will, kann man diese historische Zeitskizze ein Prequel zu seinem Lebenswerk nennen. Prequels haben den Vorteil, dass man die Vorgänger nicht kennen muss. Der Zuschauer kann sich also bedingungslos fallen lassen in Reitz’ Erzähluniversum. Auch deshalb habe ich mir zu diesem Thema diesen Film herausgesucht. Aber der/die Zuschauer/in sollte es sich bequem machen, denn fast vier Stunden dauert dieses Familienepos, das einmal mehr im fiktiven Dorf Schabbach seine Geschichte(n) entblättert.

In Schabbach, dem Dorf im schönen Hunsrück, beobachtet Jakob Simon (Jan Dieter Schneider), Sohn des Schmieds, gleich zu Beginn von einem Felsen aus, wie eine Wagenkolonne zum Horizont fährt, um sich dort mit einer anderen zu vereinen, weiter zur Küste, um mit Schiffen nach Amerika überzusetzen. In Simons Blick ist schon jene Sehnsucht enthalten, die der Untertitel meint, eine Ahnung, dass es woanders besser sein könnte. Eigentlich soll der junge Mann seinem Vater (Rüdiger Kriese), der als Vorbote der Moderne an einer Dampfmaschine schraubt, in der Schmiede helfen. Stattdessen versteckt er sich irgendwo, um zu lesen, zu träumen, zu schwärmen von der neuen Welt.

Szene_andere_Heimat2Für seinen Vater ist Jakob ein Tunichtgut, ein Taugenichts. Dass die Stärken seines Sohnes woanders liegen, er sich sogar für eine Sache über alle Massen begeistern kann, bedeutet ihm nichts. Jakob verschlingt dicke Bücher über Südamerika, Brasilien vor allem, das sich wie ein Sehnsuchtsort in seinem Kopf festsetzt. Reiseberichte, Völkerstudien, Naturbeschreibungen, Sprachlexika – er will alles über die Tier- und Pflanzenwelt wissen und lernt nicht nur Spanisch und Portugiesisch, sondern sogar die Sprache der Indios, der wohl grösste Beweis seines Auswanderungswillens.

Sein Schwarm Jettchen (Antonia Bill) käme sogar mit. Doch Jakob ist ein Mann des Geistes, nicht der Tat, ein Zauderer, der sich immer zu viele Gedanken macht. Bei einem ausgelassenen Dorffest wirft er Jettchen, im wohl traurigsten Moment des Films, nur schmachtende Blicke zu, anstatt sich ihr entschlossen und mutig zu nähern. Das übernimmt dann ausgerechnet Gustav (Maximilian Scheidt), Jakobs vom Militär zurückgekehrter Bruder, der in Liebesdingen sehr viel forscher ist – mit schwerwiegenden Folgen: Das Mädchen erwartet ein Kind. Selbstverständlich heiraten Gustav und Jettchen, und dann verkünden sie auf der Hochzeitsfeier eine Entscheidung, die Jakob vollends erschüttert …

Heimat und Sehnsucht – das sind die beiden schon im Titel genannten Pole, zwischen denen die Menschen förmlich gefangen sind. Hin und her gerissen zwischen Sicherheit und Freiheit, Einkommen und Selbstverwirklichung. Reitz macht diese existenziellen Konflikte sprachlich in klugen, lebendigen Dialogen deutlich. Darüber hinaus liest Jakob gelegentlich im Off aus seinem Tagebuch vor, was den Film zusätzlich zeitlich verortet und die Problematik vertieft.

Szene_andere_HeimatEine Problematik, die von bestechender Aktualität ist: „Wir leben wieder in einer Zeit grosser Migrationsbewegungen. Nur sind wir im Gegensatz zu damals nicht Auswanderungsland, sondern Einwanderungsland. Ich erzähle den Menschen von heute, dass ihre Vorfahren vor nicht allzu langer Zeit aus sehr ähnlichen Gründen ihr Land verlassen haben und in ihren neuen Heimatländern eine Chance für ein neues Leben suchten. Das ist sozusagen eine Umkehrung der Perspektive, und die ist sehr heilsam„, so Reitz in einem Gespräch aus dem Presseheft zum Film.

Beeindruckend auch, wie detailfreudig erstellte, historisch akkurate Bauten, ein wenig entrückte Beleuchtung und Schwarzweissästhetik den Stil bestimmen. Das ist zu Beginn gewöhnungsbedürftig, doch eine andere Herangehensweise würde eine falsche Stimmung evozieren. Vor allem aber die Breitwandbilder von Kameramann Gernot Roll offenbaren einen Reichtum, der immer zum lustvollen Schauen einlädt, fernab den Zwängen, die eine TV-Produktion mit sich bringt und am besten auf einer großen Leinwand zu genießen.

Reitz kann sich bei seiner Erzählung zudem auf starke Schauspieler verlassen, vom Anfänger Jan Dieter Schneider bis zum altgedienten Profi, Marita Breuer, die der Heimat-Serie seit dreissig Jahren verbunden ist. Schneider ist ein Phänomen, er macht die Zerrissenheit seiner Figur eindrucksvoll und glaubwürdig deutlich: mal zaudernd oder begeistert, mal hasenfüssig oder engagiert, mal träumend oder zupackend. Er erfasst die charakterlichen Pole seiner Figur mit einem Einfühlungsvermögen, das regelrecht Staunen bereitet. Jedoch alle Darsteller verkörpern ihre Figuren nicht nur, sie leben sie regelrecht; vielleicht ein Leichtes in einem bewusst gebremsten, behutsam erzählten Film, der so reich angefüllt und so meisterlich in Szene gesetzt ist, mit überbordenden Breitwandbildern in kraftvollem Schwarzweiss, dass weitere Geschichten aus dem Dorf im Hunsrück am besten nicht lange auf sich warten sollten. „Die andere Heimat“ ist die vielleicht beste Familienchronik zum Thema „Heimat“, jetzt, heute, morgen und vielleicht für alle Zeit.

Bildqualität

Das Bild der DVD lässt sich mit keinem anderen Superlativ als mit „meisterhaft“ bezeichnen. Ein Bild im „Widescreen“ (2,40 : 1)-Format. Die Kamera führte Gernot Roll, meist statisch, mit wenig Bewegung und zahlreichen „Totalen“. Auch die Schärfe ist atmeberaubend. Der Kontrast liefert sehr gute Resultate, die Handlung findet meistens außerhalb, in der Landschaft, statt.

Tonqualität

Auch der Ton leistet sich keinerlei nennenswerten Schwächen. Verzerrungen gibt es glücklicherweise kaum, die Dialoge sind sehr gut verständlich. Und das bereits gleich zu Beginn. Es gibt eine deutsche Dolby Digital 5:1 / DTS – Tonspur.

Extras

Die Extras sind ausreichend: Regisseur Edgar Reitz im Gespräch mit Medienwissenschaftler Thomas Koebner, Hinter den Kulissen der Filmpremiere in München, Bühnenpräsentation von Edgar Reitz zur Filmpremiere in München, Interviews mit Edgar Reitz und den Darstellern.

 




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