DVD / BLU-RAY TIPP

Ausgestoßen

Zeitgleich zu „Der Mann mit der Narbe“ hat Koch Media in seiner Film Noir Collection Carol Reeds meisterlichen „Ausgestoßen“ herausgebracht.

Im Nachkriegs-Belfast angesiedelt, folgt das Thriller-Drama Johnny McQueen (James Mason), dem Anführer einer Widerstandsgruppe, der sich seit einigen Monaten vor der Polizei versteckt hält. Zur Finanzierung weiterer Aktivitäten ist ein Überfall geplant, um die Lohngelder eines Industrieunternehmens einzusacken. Bei der Flucht gerät Johnny aber mit einem Wachmann aneinander, so dass sich bei der anschließenden Rangelei mehrere Schüsse lösen. Seine Komplizen schaffen es nicht, ihren schwer verletzten Anführer vollständig ins Auto zu ziehen. Bei der rasenden Fahrt durch die engen Straßen Belfasts fällt Johnny auf die Straße und wird liegen gelassen. Jetzt muss sich der entkräftete Johnny alleine durch die Stadt kämpfen, um der Polizei zu entgehen.

Mit Johnnys Scheitern einer unversehrten Flucht nach dem Überfall beginnt der quälende Leidensweg der Hauptfigur durch das kalte, nächtliche Belfast, bei dem Johnny zum Spielball der ihn umgebenden Menschen wird. Nahezu alle Personen, denen der schwer verletzte Flüchtige begegnet, verfolgen ihr eigenes Interesse im Umgang mit ihm. Zwei ältere Damen helfen Johnny zwar, indem sie ihn von der Straße in ihr Haus holen, aber hinter ihrer Barmherzigkeit steckt auch der Wunsch, die in einem Kurs angeeigneten Erste Hilfe Kenntnisse einmal anwenden zu können. Andere, denen Johnny auf seinem Weg begegnet, wollen den nahezu willenlosen Mann vollständig für ihre Zwecke ausnutzen.

Dem düsteren Gesellschaftspanorama der eisernen Nachkriegszeit setzt Carol Reed nur die Liebe Kathleens entgegen. Ihre Gefühle gegenüber Johnny sind aufrichtig. Sie scheut auch nicht die Konfrontation mit der Polizei oder andere Gefahren, um ihm zu helfen. Sie wendet ihre ganze Kraft auf und bleibt dabei äußerlich ruhig. Daraus entwickelt Reed eine dramatische Anspannung, die sich schließlich entladen muss. Sie korrespondiert mit dem menschlichen Elend, dass sich in den wenig selbstlosen Handlungen der meisten übrigen Menschen offenbart. Eine Atmosphäre der Kälte liegt über dieser Stadt, in der sogar ein Engel weinen muss, wenn Reed den Regen so filmt, dass die Tropfen aus den Augen einer entsprechenden Statue auf einem Abbruchgelände zu fließen scheinen.

Dank der exzellenten Kameraarbeit Robert Kraskers, der auch Reeds „Der dritte Mann“ oder Anthony Manns Monumentalepen „El Cid“ und „Der Untergang des römischen Reiches“ fotografierte, entfaltet „Ausgestoßen“ eine geradezu dämonische Kraft.

Bildqualität

Angesichts des Filmalters wartet die DVD mit einer guten Bildqualität auf. Die Schärfe kann zwar nicht auf ein ausgesprochen detailliertes Bild zurückgreifen, aber die Konturendarstellung ist einwandfrei. Im Rahmen der Möglichkeiten kann man auch mit der Abbildung der einzelnen Elemente zufrieden sein. Ein ausgebombtes Grundstück mit Trümmerteilen und einer alten Hütte entfaltet wie andere Szenarien seine Vielfalt. Mehr Schärfe wäre angesichts der damaligen Produktionsbedingungen auch gar nicht gut, da der Kunstschnee ohnehin schon recht deutlich als solcher erkennbar ist. Die DVD liefert folglich ein Qualitätsniveau, dass die Atmosphäre des Films bewahrt, ohne die Filmbauten zu stark in den Vordergrund zu rücken. Der Kontrast überzeugt mit einer ausgewogenen Darstellung der Graustufen. Die Körnigkeit des Bildes ist in Ordnung.

Tonqualität

Die DD 2.0 Mono-Tonspuren verfügen über eine leicht unterschiedliche Qualität der Dialogwiedergabe. Während der englische Ton einen etwas frischeren Eindruck macht, klingen die deutschen Dialoge etwas dumpf. Die Verständlichkeit wird aber bei beiden Fassungen nicht beeinträchtigt. Insgesamt kann der Ton mit einer relativ vollen Klangfärbung überzeugen.

Extras

Das Bonusmaterial besteht aus einer Bilderfalerie, dem Drehbuch im PDF-Format und einem 12-seitigen Booklet mit einem Text von Thomas Willmann, der sich kurz der Frage widmet, inwieweit man von einem britischen Film Noir sprechen kann und dann einige Motive des vorliegenden Films analysiert. Ein lesenswerter Text.

Eine ausführliche Version des Textes ist hier bei www.dvdheimat.de erschienen.



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