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Nov 2016
22
Was Männer sonst nicht zeigen

Man könnte annehmen, das Programmkinopublikum in der Studentenstadt Münster sei heterogen und vielschichtig – vor allem aber vielseitig interessiert. Bei 80.000 Studierenden, die sich auf insgesamt über 300.000 Einwohner verteilen. Doch nach vielen Jahren als regelmäßiger Kinogänger in der Westfalenmetropole weiß ich, dem ist nicht (immer) so. Filme zu bestimmten Themen wecken in Münster meistens das Interesse eines ganz bestimmten Publikums. Was ich sehr schade finde. Denn wenn es in einer Dokumentation beispielsweise um die Befindlichkeiten finnischer Männer über 40 geht, die sich in der Sauna mit Freunden über persönliche, tiefgründige Lebensereignisse unterhalten, warum wollen sich so einen Film nur Single-Männer über 40 anschauen? So geschehen in „meiner“ Vorstellung am Freitag-Nachmittag. Und nach Auskunft der Kinobediensteten soll es in den anderen, bisherigen (schlecht besuchten) Vorstellungen nicht anders ausgesehen haben.

Dabei wäre es doch in einer Zeit, in der die geschlechterspezifischen Grenzen neu definiert werden, umso lehrreicher, auch als Paar oder als Frau zu erfahren, was der Mann über 40 denkt, wenn er sich nackt mit Freunden in einer Sauna unterhält? – Pustekuchen. Wie diametral dazu das Publikum in der Vorführung des indischen Films „Zeit der Frauen“ im Programmkino meines Vertrauens am Montagnachmittag ausgesehen hat, muss ich wohl nicht näher beschreiben. – Wo ist der Mut, sich im Kino hin und wieder mal überraschen zu lassen? Oder über den eigenen Horizont hinaus, Kunst auch als „Lehrstück“ anzunehmen? Und warum schauen zur gleichen Zeit insgesamt über 2.000 Münsteranerinnen und Münsteraner in vier Vorstellungen am gleichen Tag die Komödie „Willkommen bei den Hartmanns„, die so überraschungsarm ist wie die Tatsache, dass jedes Jahr am 25. Dezember Weihnachten gefeiert wird?

Die beiden finnischen Filmemacher Jonaas Berghäll und Mika Hotakainen spielen in ihrer sehenswerten Bestandsaufnahme der männlichen finnischen Seele bravourös mit der Erwartungshaltung ihres Publikums. Denn in „Miesten Vuoro“ (Gegenseitige Männer), wie ihr Film im Original heißt, geht es – wie vielleicht zu erwarten – weder um Fußball, noch um Politik oder gar um Autos. Auch der Redeanteil der finnischen Männer ist unerwartet hoch. Überraschend vor allem für diejenigen, die finnische Männer primär aus Filmen von beispielsweise Aki Kaurismäki kennen, in denen nur dann gesprochen wird, wenn es sich partout nicht anders arrangieren lässt.

Nein, in dieser finnischen Dokumentation mit dem neckischen deutschen Verleihtitel „Was Männer sonst nicht zeigen“, lassen die sonst so verschlossenen Finnen ihren Gefühlen in den unterschiedlichsten, aufgehitzten vier Wänden freien Lauf. Die Tonlage ihrer Ausführungen bleibt in den mehr als zwei Dutzend Saunen, die das Kamerateam besuchte, überwiegend melancholisch – mit einigen heiteren Ausnahmen. Und wie es um die männliche Seele in Finnland bestellt ist, das wollten in Skandinavien nicht nur unzählige, interessierte Filmfreunde wissen, das sollten sich auch Kinogänger anschauen, die von Kunst mehr erwarten als beispielsweise eine zweistündige Posse über Pleiten, Pech und Pannen a lá „Willkommen bei den Hartmanns„.

 

 



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