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Jun 2015
21
„Was heißt hier Ende?“ von Dominik Graf

Was bleibt nach dem Tod eines Filmkritikers? Abgesehen von dessen Texten und Begegnungen und natürlich der Trauer und dem Schmerz der Hinterbliebenen? Verständlich, dass es kaum Filme über Filmkritiker gibt. Beruf und Nachlass geben visuell nicht viel her. Die wenigen Beispiele in der Filmhistorie porträtieren herausragende Persönlichkeiten wie Francois Truffaut („Francois Truffaut L`Insoumis„) oder Roger Ebert („Life itself„), deren Leben oder auch Sterben etwas bezeichnen, das über ihre Arbeit hinausgeht. Vor allem eine besondere Art und Weise, Filme und Kunst zu betrachten, zu untersuchen, ja zu erfahren und erfahrbar zu machen.

Der deutsche Regisseur Dominik Graf möchte dieser Reihe einen weiteren Namen hinzufügen. Nicht nur weil er seinen Freund Michael Althen, der 2011 im Alter von nur 48 Jahren verstarb, für ein im positiven Sinne leidenschaftlichen Rezipienten und Rezensenten hielt, für einen Verrückten, der sich noch von den Filmen, Bildern und Theaterstücken, die er als langjährige Redakteur untersuchte, verführen ließ. Sondern auch, weil er den ehemaligen Redakteur der Süddeutschen und Frankfurter Allgemeinen Zeitung selbst für einen herausragenden Künstler und Menschen hielt. In seiner liebevollen essayistischen Dokumentation zeichnet Graf („Die geliebten Schwestern“), der mit seinem Freund einst zwei Dokumentarfilme und ein Buch realisierte, auch deshalb ein empfindsames und umfassendes Porträt nicht nur des Kritikers sondern vor allem des Menschen Michael Althen.

In seiner Summe fügt sich die Collage zu einem Künstlerporträt mit zahlreichen Kritiken, Festivalberichten und Nachrufen, aus denen Graf mit seiner warmen Stimme zitiert, wie man sonst nur aus Gedichten zitiert. Umgekehrt wiederum hatten augenscheinlich Althens Texte, seine Wahrnehmungen und Begegnungen auch großen Einfluss auf andere – auf Kritiker und Filmemacher. Das wird in zahlreichen Talking-Heads-Interviews deutlich, mit Kritikerkollegen wie Tobias Kniebe, Milan Pavlovic oder Harald Pauli oder auch in zahlreichen Gesprächen mit Filmemachern wie Tom Tykwer, Wim Wenders, Christian Petzold sowie mit Althens Familie. Wim Wenders spricht in diesem Zusammenspiel zwischen Redakteur und Filmemacher gar von Komplizentum.

Ich habe als Kind der 80er diesen manchmal selbstverliebten, oft affirmativ prosaischen Ansatz Althens in seinen Rezensionen und Nachrufen nur sehr wenig abgewinnen können. Nicht-Kenner dürften zudem mit den zahlreichen Selbstbeweihräucherungen der Münchner Gruppe um die „Jungen Wilden“ – Althen war da offenbar ganz vorne mit dabei – ihre Schwierigkeiten haben. In vielen Gesprächen geht es um die Gruppe junger Redakteure, die in den 80ern loszog, um die alte Riege der Film­kri­tiker abzulösen. Die „Alten“, das waren laut Althen, Körte, Seidl und Co. die, deren Herz für das deutsche und europäi­sche Auto­ren­kino der 60-70er Jahre schlug. Die ersetzt wurden oder doch viel mehr komplet­tiert wurden durch die „Jungen Wilden“, die der Welt und besonders Hollywood zugewandt waren. Und die vor allem von ihren Gehältern als Redakteur sehr gut leben konnten.

Dass Grafs Film am Ende deshalb bei einer fast ausnahmslos negativen Analyse des aktuellen Kriti­ker­standes endet, lag auf der Hand. Einige Redakteurskollegen im Film fügen dazu das Zeitungssterben als Grund an, andere (Doris Kuhn, Olaf Möller, Chritoph Huber) monieren die heutige „Servicedienstleistung für die Anzeigenkunden“. Unter dem Strich wird in dieser warmherzigen Hommage an den außergewöhnlichen Künstler und Enthusiasten Michael Althen deutlich, dass sich die Begeisterung für eine Kunstform transportieren lässt. Auch im Zusammenspiel als positiv verrückter Konsument und Familienvater. Ein offener Mensch sein und seine Leidenschaft in packende, unterhaltsame Worte kleiden, das wird für den Filmkritker Michael Althen bezeichnend bleiben, noch lange über seinen Tod hinaus. Danke, Dominik Graf!

 




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