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Jun 2015
19
„Victoria“ von Sebastian Schipper

Auf einigen kleineren internationalen Filmfestivals in 2014 (Karlovy, Oldenburg) sorgte ein Film für Aufsehen, bei dem immer wieder die technische Herangehensweise des Filmemachers hervorgehoben wurde. Der Spielfilm, um den es geht, wurde in nur einer einzigen Sequenz, also ohne einen Schnitt, sprich „One-Take“, gedreht. Auf dem Filmfest in Oldenburg gewann „Hany“ von Michal Samir, so der Titel des Films, nicht nur die Herzen und damit den Hauptpreis der internationalen Jury, sondern auch die des Publikums. Na ja, letzteres zum größten Teil. In „Hany“ wird zu Beginn ein junger Literat vorgestellt, der in einer Bar sein aktuelles Theaterstück vorträgt. Weil aber einige Gäste der Bar, die sich in einer tschechischen Großstadt befindet, dem Theaterstück wenig bis garnichts abgewinnen können, „flüchtet“ die Kamera mit einigen Protagonisten auf die Straße.

Es ist ein Kommen und Gehen. Die ruhelose Kamera fängt im Folgenden kleine und größere Dramen ein, als stiller Beobachter, dazu gehören Nachbarschaftsstreitigkeiten und erfolglose Flirtversuche einiger Bar-Gäste. Bis sie schließlich auf einer ziemlich ausufernden Party landet. Alle Geschichten dieser entfesselten Nacht lassen sich mit einer Überschrift zusammenfassen: Wir feiern die Freiheit.

„Form follows function“ könnte man zu dieser Herangehensweise sagen. Junge Menschen in Tschechien feiern sich und ihre Möglichkeiten. Und Michal Samir, Regisseur und Drehbuchautor von „Hany“, stellt diese jungen Menschen vor. Ohne Schnitte, ohne Pause. Samir verzichtet dabei auf die „herrkömmlichen Rahmenbedingungen“ des kinematografischen Erzählens, indem er nicht nur die Künstlichkeit in Form von Scheinwerferlicht und Musikuntermalung weglässt, sondern seinen Darstellern auch alle Freiheiten ließ. Ein Drehbuch gab es nur für die Kamerapositionen.

Ich weiß nicht, ob Sebastian Schipper, ein Regisseur und Schauspieler, den ich sehr schätze, und das nicht erst seit „Absolute Giganten“ (1999), den tschechischen Film „Hany“ kennt oder gesehen hat. Aber natürlich musste ich an „Hany“ denken, der mich so fesselnd in die Nachbarschaft einer tschechischen Großstadt entführt hatte, als ich Schippers neuen Film „Victoria“ sah.

Im Vergleich zu Samir´s „Hany“ setzte Schipper auf gescriptete Realität. Seine 140 Minuten einer Berliner Nacht, welche von einer jungen Spanierin erzählen, die auf vier original Berliner Jungs trifft, kommen auch ohne einen Schnitt aus. Nur heftet sich die Kamera des norwegischen Kameramanns Sturla Brandth Grøvlen in diesem Film an nur eine Person: an die titelgebende Spanierin Victoria. So tanzt der Zuschauer / die Zuschauerin mit der jungen Spanierin zunächst ein einem Berliner Club, folgt ihr auf dem Fahrrad, als sie „Sonne“ (Frederick Lau), „Boxer“ (Franz Rogowski), „Blinker“ (Burak Yigit) und „Fuß“ (Max Mauff) in die Berliner Nacht und später auf ein Hausdach begleitet und dem verliebten „Sonne“ ihr Café zeigt. Sowie wenig später auf eine gefährliche Mission (Achtung Genre-Wechsel!), in der sie die Aufgabe einer Fahrerin für einen Banküberfall übernimmt.

Schipper ließ, wie auch Michal Samir in „Hany“ seinen Darstellern alle Freiheiten. Mit dem Unterschied, dass seine Protagonisten eine Rolle spielen. Ich habe mich zugegeben sehr schwer damit getan, der jüngst mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichneten Spanierin Laia Costa eine junge Pianistin abzunehmen, die nach 16 Jahren Klavierunterricht mit mehreren Stunden Übung täglich vier zwielichtigen Berlinern nach einem Club-Besuch bei einem Banküberfall behilflich ist. Zudem ohne Deutschkenntnisse (nach 8-Stunden-Tagen im Café?). Zugegeben, sie rutscht in das Geschehen hinein. Aber als sie ein geklautes Auto in eine Berliner Tiefgarage manövriert, flankiert von schwerbewaffneten Bodyguards (mit Maschinengewehren, sic(!)), und in dieser auf einen drittklassigen, blondierten Bond-Bösewicht trifft (André M. Hennicke, „.. und wer ist die Bitch?“), ist nur schwer nachzuvollziehen, warum ausgerechnet eine junge Spanierin einem schwer berlinerndem Chaos-Quartett so viele Gefallen schuldet. Oder ist ihr Beweggrund die Liebe?

Zahlreiche Gemütsäußerungen, von Victorias Tränen nach einer privaten Öffnung (in einer überflüssigen Klavier-Vorspiel-Szene) über Sonne´s übertrieben gekünzelte und später enervierende Street-Credibility-Attacken bis hin zu einem Zusammenbruch am Rande des „Over-Acting“ im (ungewöhnlich schnell gemieteten) Hotelzimmer hätten viel früher den Regisseur auf den Plan rufen müssen. Wo war Sebastian Schipper zu dieser Zeit? Wo war der Regisseur als seiner jungen Bande die darstellerischen Gäule durchgingen? Und was hat dieser Mix aus Liebegeschichte und Genre-Kino im Gewand eines Dogma-Films mit Freiheit zu tun? Form follows function?

Zugegeben, ich saß in einem ausverkauften, kleinen Kino in der zweiten Reihe. Mir war bereits nach 20 Minuten angesichts der Wackelkamera von Brandt Grøvlen leicht schwindelig und als die titelgebende Spanierin drei betrunkene Berliner Jungs in einem geklauten Auto in ein von schwerbewaffneten Türstehern flankiertes Parkhaus fährt, um sich von einem blondierten, drittklassigen Bond-Villain fragen zu lassen: „Und wer ist die Bitch?“ konnte ich mir ein lautes Lachen nicht verkneifen. Mit dem Blick auf die Uhr hatte ich da noch gut eine Stunde vor mir und spätestens zu diesem Zeitpunkt habe mich nach Pilsen gesehnt, in die tschechische Nachbarschaft, die mir Michal Samir in seinem Film „Hany“ vorstellte, mit nur einem Schnitt, weil es bei ihm um die Freiheit geht. Und nicht um 140 Minuten „Scripted Reality“.

Sechs Lolas, ein „Prost“ auf den deutschen Film. Oder sollte ich besser schreiben: „Zum Wohle!“ ?

 

Trailer „Hany“

 

Trailer „Victoria“

 

 

 



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