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Jul 2016
23
The Girl King

Christina von Schweden (1626 bis 1689) war sechs Jahre alt, als ihr Vater Gustav II. Adolf sein Leben an den Dreißigjährigen Krieg verlor. Zwölf Jahre lang lag die Macht bei Kanzler Oxenstierna, unter dessen Obhut Christina wie ein Junge erzogen wurde. Als Volljährige nahm Christina dann auf dem Thron Platz – und erwies sich als Rätselfigur. An Realpolitik war sie uninteressiert, lieber träumte sie vom Frieden. Sie tauschte sich philosophisch mit Descartes aus, einem Katholiken. Ein Skandal im protestantischen Schweden. Heiraten wollte sie nicht, lieber förderte sie die Künste. Nach zehn Jahren hatte sie schon genug: Sie dankte ab, floh (mit Zwischenstopp in Münster) nach Rom und trat zum Katholizismus über.

Es gibt schon einen berühmten Film über die Monarchin: „Queen Christina“ von Rouben Mamoulian mit Greta Garbo, von 1933, ein Klassiker des Hollywood-Melodrams. Nun versucht sich der Finne Mika Kaurismäki, der hauptsächlich für Musik-Dokus bekannt ist („Mama Africa“), an einer fälligen Neubetrachtung, die auf Christinas zehnjährige Regentschaft fokussiert ist und die Beziehung zu ihrer Kammerzofe beleuchtet: Dass diese Ebba Sparre wohl die Liebe ihres Lebens war, lesen Historiker aus ihrem inbrünstigen Briefwechsel heraus.

Leider hat Kaurismäki große Mühe, das Kostümfilm-Biopic in die Spur zu bekommen: Das Erzähltempo ist bleiern, auf staubtrockene Geschichtslektionen folgt schwülstige Soft-Erotik im „Zärtliche Cousinen“-Modus, die Dialoge stolpern, die Musik dräut und schwillt wie in einer Seifenoper. Auch die Schauspieler ziehen unterschiedliche Register: Newcomerin Malin Buska als Christina und Sarah Gadon („Dracula Untold“) als Ebba feiern den heiligen Ernst dieser in der Tat spannenden frühen Emanzipationsgeschichte, Michael Nyqvist („Verblendung„) als Oxen­stierna schert sich dagegen nicht drum. Und Martina Gedecks grausliger Gewitterziegen-Auftritt als Christinas Mutter wirkt wie einer Klamotte entsprungen.

Vieles passt in diesem Film nicht zusammen, was sicher auch daran liegt, dass gleich fünf Länder an ihm mitproduziert haben. Wäre das Ergebnis nicht überwiegend ziemlich langweilig, könnte man die Inkongruenz der Zutaten immerhin als subversive Attacke auf die üblichen Kostümfilmklischees feiern. So aber bleibt am Ende nur ein langes: Gähn!

 

 

Kritikerspiegel The Girl King



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem aktuellen Kritikerspiegel.

 



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