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Jan 2010
05
Spike Jonze: Wo die wilden Kerle wohnen (USA 2009) (gesehen am 26.12.2009 in Münster, Christian)

Leider habe ich Maurice Sendaks illustriertes Kinderbuch „Where the wild things are“ noch nicht gelesen bzw. gesehen. In den Vereinigten Staaten kennt es angeblich jedes Kind. Gemeinsam mit Autor Dave Eggers hat Traumbastler Spike Jonze („Being John Malkovich„) das Buch in seine kreativen Hände genommen und aus diesem lakonischen Klassiker einen Kinderfilm für Erwachsene geformt. Entstanden ist ein sorgfältig inszeniertes und erstaunlich unverspieltes Rührstück über das unglückliche Bewusstsein wilder Kreaturen. Kreaturen, die hier übrigens auch weiblich sein dürfen, also nicht nur „Kerle“ sind, wie uns der deutsche Filmtitel weiß machen will. Bei Sendak sind die Monster gutmütige Untertanen ohne individuelle Psychologie. Sie entstammen der Phantasie des sensiblen aber ungestümen Max, der aus seinem Kinderzimmer herbeigesegelt kommt und umgehend zum König der Kreaturen gekrönt wird. Mit schlichten Kommandos („Wir machen Lärm!“) löst er allgemeine Hochstimmung im Stamm aus, von sich anfänglich abzeichnenden Depressionen und Ich-Krisen keine Spur (mehr).

Die Kreaturen danken es dem unter einer Scheidung leidenden neunjährigen Max mit Freundschaft und Gehorsam. Bis Max erkennen muss, dass es auch Zuhause jemanden gibt, der auf ihn wartet und ihn bedingungslos liebt. Jonze und Eggers zeichnen die Radaubrüder als schwermütige Erwachsene, denen das Mittel zum Glücklichsein vorenthalten wird. Ihre Verfilmung ist eher als klassischer, nachdenklicher Fantasyfilm angelegt, mit physisch inszenierten Live-Action-Puppen von Jim Henderson (Muppets Show) und demonstrativ zurückhaltendem Einsatz digitaler Effekte. Die typischen Merkmale eines Kinderfilms (wie er in Europa vermarktet wird) sind bei Jonze diskret in den Hintergrund gerückt. Dazu passt auch der melancholische Film-Soundtrack von Yeah-Yeah-Yeah-Frontfrau Karen O.. Diese vordergründige Melanchlie und Ernsthaftigkeit sahen die Verantwortlichen der Produktionsfirma anfänglich gar nicht gern und wollten, dass der Film umgeschrieben wird. Gut, dass das Erfolgsteam Jonze/Eggers größtenteils bei ihrer Schnittfassung geblieben ist. Ein großartiger Film.



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