BLOG

Mrz 2013
25
Paradies: Glaube

Sie peitscht, sie kriecht, sie blutet, sie duldet, … für ihre Liebe zu Jesus Christus überschreitet Anna Maria die geläufigen katholischen Glaubensrituale jede Woche aufs Absurdeste. Für ihre Hingabe kann der Bußgürtel gar nicht eng und das Ave-Maria nicht lang genug sein. Das tägliche (Glaubens-)Programm gelingt der Medizinisch Technischen Assistentin der Radiologie Dank einer perfekten Organisation und geordneten, fast nüchtern kargen häuslichen Verhältnissen. Damit unterscheidet sich Anna Maria deutlich von ihrer Schwester Teresa, der Hauptfigur aus Ulrich Seidls Paradies: Liebe, dem ersten Teil der „Glaube, Liebe, Hoffnung“-Trilogie. Teresa hatte auf das Fleischliche nicht verzichten wollen und es in den Armen kenianischer Strandboys gesucht.

Wie Teresa steht auch die Mittfünfzigerin Anna Maria kurz vor ihren Ferien. Auf die Frage vom Radiologen, wohin denn ihre Reise geht, antwortet sie nüchtern: „Ich bleib daheim.“ Denn ihren Urlaub den möchte die Wienerin ganz im Sinne ihrer großen Liebe Jesus Christus verbringen, mit Buße, Beten und christlichen Gesängen. Während sie im Park die Sonnenstrahlen genießt, nistet sich Zuhause allerdings eines Tages ihr Ehemann Nabil unerwartet auf dem Sofa ein. Die Enttäuschung ist groß. Schließlich war der querschnittsgelähmte Moslem vor zwei Jahren aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Damit nimmt das Drama seinen Lauf, denn Anna Marias Liebe zu Jesus, die Regisseur Ulrich Seidl von Auspeitschungen bis hin zu einer Masturbationsszene mit einem Kruzifix mit groben Strichern gnadenlos überzeichnet, ist ihrem Ehemann ein Dorn im Auge. Er reagiert mit Beleidigungen und Schlägen.

Seidls zweiter Teil seiner Trilogie ist Dank der herausragenden Hauptdarstellerin Maria Hofstätter und einigen glänzend besetzten (typischen Seidl-)Nebenfiguren eine zwar grandios gespielte aber doch schlimm zugespitzte Tour de Force. In quälend langen Einstellungen robbt sich beispielsweise der querschnittsgelähmte Nabil durch die Kellerflure, während Seidl im nächsten Moment auf eine christliche Glaubensgemeinschaft im Nebenraum schneidet. Mehr „Szenen einer Ehe“ denn Glaubenskrieg, mehr gesellschaftliche Horror-Groteske denn ernsthafte Auseinandersetzung mit den Auswüchsen des religiösen Fundamentalismus.

  



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Blog abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*