AKTUELL IM KINO

Neulich im Programmkino: „Voir du pays – Die Welt sehen“

Wunderbar. Nachdem sich der Vorhang zum zweiten Mal verzogen hat, sitzt man als Zuschauer in einer Passagiermaschine. Es geht nach Zypern. Genauer gesagt auf den griechischen, also den europäischen Teil der Insel Zypern. Die perfekte Eröffnung für einen Spielfilm an diesem Nachmittag. Vor allem gegen Ende meiner stressigen Woche. Denn nur wenige Minuten zuvor hatte ich die klatschnasse Regenjacke an der Garderobe des Kinosaals aufgehängt. Vor der Tür zum Foyer regnet es Bindfäden. Dann, etwa drei bis fünf Filmtrailer später eröffnet sich eine neue, und somit auch meine neue Welt. Das schafft nur das Kino. Und auch darum liebe ich es so sehr. Passend also, wenn der Film jetzt heißt: „Die Welt sehen.“

Moment mal! Eine Garderobe im Kinosaal? Ja, das Cinema in Münster hat so etwas. Eine Möglichkeit, seine dicke Winterjacke (und die braucht man in diesen Tagen) an einen Haken hängen zu können. Um diese nicht auf den Nachbarsitz, den Boden ober über die Sessellehne des Vordersitzes legen zu müssen. Noch einmal: Wunderbar! Nachvollziehbar, dass sich so etwas nur kleine Kinos leisten können.

Genau wie die neue Smartphone-Ladestation im Foyer. Das Smartphone wird wie ein Gepäckstück in ein kleines Fach mit diversen Ladekabeln gelegt, anschließen, 50 Cent einschmeissen, Türe schließen, Smartphone während des Films aufladen lassen. Auch diese kleine Besonderheit liebe ich sehr an innovativen Programmkinos. Bitte mehr davon!

Zurück zur Passagiermaschine. Nach einer Kamerafahrt (zur Vorstellung einiger Passagiere) durch das Flugzeug, stoppt die Kamera von Kameramann Jean-Louis Vialard an einer Sitzreihe. In dieser sitzen zwei Soldatinnen. Um sie soll es in den nächsten einhundert Minuten gehen. Um Aurore (Ariane Labed) und ihre beste Freundin Marine (Soko, „Die Tänzerin“). Die beiden Französinnen sind Teil einer Einheit, die sich von einem Auslandseinsatz auf dem Weg in den Urlaub befindet. Aurore und Marine kennen sich seit ihrer Schulzeit. Zusammen sind sie der Berufsarmee beigetreten, weil „Marines Eltern auch bei der Armee sind. Ein sicherer Job„, wie Aurore wenig später fast entschuldigend mal erklärt.

Noch in der Maschine wird ein Fragebogen an die Soldaten und Soldatinnen verteilt. Aurore und Marine betrachten den Fragebogen mit Argwohn und sehen in ihm eine Art Idiotentest, mit dem Ziel der Ausmusterung. So haken sie alle Fragen nach der seelischen Belastung verneinend ab, „mit vertauschten Rollen, weißt Du noch, wie in der Schulzeit.“ Die Stimmung ist entspannt. Das soll sich aber später noch ändern.

Szene aus dem Film Die welt sehen mit den Hauptdarstellerinnen Ariane Labed und Soko.Bereits mit dieser Einführung und vor allem beim Einchecken der Soldaten im Hotel wird klar, dass hier etwas zusammengeführt wird, was nicht zusammen passt. Kulisse und Inhalt stehen in einem Kontrast, wie er stärker kaum sein könnte. Das kristallklare Wasser des Hotel-Pools, der wolkenlose blaue Himmel, die heiße Sonne … Und mittendrin Soldaten, teils traumatisiert, zurück von ihrem Einsatz aus Afghanistan.

Die beiden Regisseurinnen Delphine und Muriel Coulin verstärken diesen Kontrast mit radikalen Schnitten. Zuerst eine entspannte Party am Pool, wird plötzlich im nächsten Moment der Zuschauer in ein virtuelles Kriegsgebiet teleportiert; anhand einer Art Computerspiel soll der Schrecken der Soldaten aus ihrem letzten Einsatzs „erlebbar“ gemacht werden. Und dann wäre da noch der Gegensatz zwischen den Soldaten und den regulären Touristen auf der Anlage. Die Spannung ist nahezu greifbar.

Dekompression heißt das im Militärjargon, Urlaub in der Sonne, abschalten, das soll dem Stressabbau dienen. Wie sehr – oder besser wie schlecht – dieser bei allen Beteiligten funktioniert, das zeigt sich, sobald die ersten Mahlzeiten eingenommen und die ersten Erlebnisse via Simulation verarbeitet worden sind: Delphine und Muriel Coulin interessieren sich – das Drehbuch basiert auf einem Roman von Delphine Coulin – wie bereits in ihrem starken Debüt „17 Mädchen“ letztendlich für die Reaktion. Was passiert, wenn starkes, weibliches Selbstbewußtsein auf antiquierte Rollenvorstellungen treffen. Waren es bei den „17 Mädchen“ die nahezu gesichtslosen Väter, die kaum bis gar keine Verantwortung für ihren Nachwuchs übernommen haben, sind es bei „Voir du pays“, wie der Film im Original heißt, die als Nebenfiguren auftretenden männlichen Soldaten, die sich den Frauen gegenüber wie „Übermenschen“ verhalten.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Bei einem nicht genehmigten Ausflug aufs Land, den Marine und Aurore mit einer dritten Frau in Begleitung einheimischer Männer unternehmen, ist schnell klar, welche Rolle Frauen aus Sicht testosterongesteuerter Männer in einem antiquierten Rollenverständnis zu erfüllen haben. So ist es schnell wieder vorbei mit der Gleichheit der Geschlechter, wie sie die Uniform vorgaukelte. Aktueller kann hinsichtlich der „MeToo-Debatte“ das Thema Sexismus kaum sein. Ein hervorragend dicht inszenierter, nahezu ohne musikalische Untermalung auskommender, ein beeindruckender Film.

 

 



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