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Feb 2015
21
Nachtrag Berlinale 2015 – Perspektive Deutsches Kino – Hakie – Haki, ein Leben als Mann

Szene_HakieIch will immer ich selbst bleiben. Was die anderen daraus machen, weiß ich nicht„, sagt Hakie. Das wird sie wohl auch, nachdem Regisseurin Angela Angelovska die greise Protagonistin ihres Dokumentarfilms zurücklässt. In einer kargen Hütte, allein mit ein paar Hühnern und der Kuh, in einer abgelegenen Ansammlung von Gehöften in den albanischen Alpen. Die Selbstwirtschafterin macht keinen Hehl daraus, dass es ein beschwerliches Leben ist für eine alte alleinstehende Frau. Doch „Frau“, diese Bezeichnung will die 72-Jährige gar nicht hören.

„Burnesha“ sei das richtige Wort. Der atavistische Begriff steht für ein Mädchen, dass sich für ein Leben als „geschworene Jungfrau“ entschieden hat. In den sozialen Geboten der entlegenen Bergsiedlung sind Lebensoptionen wie Partner, Ehe bis der Tod scheidet und Kinder untrennbar verbunden. Das eine bekommt man nicht, ohne die anderen. Wer sich wie Hakie innerhalb der patriarchalischen Machtstrukturen keinem Mann unterwerfen will, muss komplett auf ein Familienleben verzichten.

Als die Brüder und Schwestern heirateten, blieb Hakie bei den Eltern und bewirtschaftete den Hof. Das gleiche tut sie jetzt nach dem Tod der Eltern. Die Nachbarn respektierten sie, erklärt die zähe ältere Dame, die in groben Schuhen und Herrenhosen mit der Sense das Gras schneidet. „Männerarbeit“ sei das, aber jemand muss es tun und außer Hakie ist niemand da. Alterspflege ist hier etwas, für das man vorsorgen muss, indem man Kinder in die Welt setzt. Wenn sie wie Hakie „weder den Vorfahren, noch den Nachfahren Schande bereiten“, dann werden sie sich einmal um die altersschwachen Eltern kümmern.

Auch diese Tradition hat die in ihrer Lebensführung so autark wirkende Frau befolgt. Geblieben ist ihr der Hof in der Einöde, die bald eisiger Frost überziehen wird. Der letzte Winter war hart, erinnert sie sich. Ihr Alleinsein erwähnt sie oft, es scheint der Kern eines Lebenswegs, der durch seine Abweichung von der gesellschaftlichen Norm definiert wird. Doch selbst für das Abweichende gibt es umfassendere Gebote.

Ein unabhängiges Leben bedeutet für eine Frau dort ein Leben ohne Sympathie oder Unterstützung. Besser, als etwas, das einem zutiefst widerstrebt, bemerkt Hakie in der ihr eigenen pragmatischen Art, während sie stoisch ihre Arbeiten verrichtet oder Zigaretten pafft. Sie will es nicht, dieses abfällige Bedauern, wie es früher auch in unserer westlichen Gesellschaft die sogenannten alten Jungfern erfuhren und heute Frauen ohne Kinderwunsch erfahren. Und sie will diese neugierigen Filmemacher nicht mehr, die wegen ihr auftauchen: „Inzwischen nervt es.“ Zum Glück bleibt Anabela Angelovska nicht lange.

Berlinale 2015 – Perspektive Deutsches Kino
Regie: Anabela Angelovska
Deutschland 2015
27 Minuten

 



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