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Jan 2008
11
Mike Nichols: Charlie Wilson`s War (USA 2007) (gesehen am 09.01.2007, Pressevorführung in Berlin, Gian-Philip)

Mike Nichols, geboren in Berlin, aber einer der Urväter des New Hollywood („Die Reifeprüfung“), ist mittlerweile 76, dreht Filme über sexforschende Aliens („Good Vibrations“), aber es soll niemand sagen, dass er keine Lust mehr auf politisches Filmemachen habe. Hier schickt er Tom Hanks in den Krieg und will beweisen, dass sich Amerika gern als großer Problemlöser ins Scharmützel wirft, um dann aber die Biege zu machen, wenn die `mission` vermeintlich `accomplished` ist, die Aufräumarbeiten aber erst beginnen.

Der Film erzählt von wahren Dingen aus den Achtzigern, denn diesen Charlie Wilson gibt es wirklich, einen texanischen Kongressabgeordneten, einen Demokraten, der, wenn`s drauf ankommt, auch den Republikanern Honig ums Maul schmieren kann. Tom Hanks spielt diesen Wilson exakt so, wie man sich einen bräsigen texanischen Polit-Gschaftlhuber vorstellt: Er gibt einen Charmebolzen, der alle um den Finger wickelt, mal mit Starlets und Stripperinnen koksschniefend im Whirlpool dümpelt, mal mit seinen ausschließlich weiblichen Assistenten schäkert, dazwischen mit feisten, profilneurotischen Provinzbossen dealt und mir nichts, dir nichts über Millionenbudgets verfügt.

Amy Adams („Junebug“, „Verzaubert“) bleibt als Assistentin stets an seiner Seite, die wunderbare Emily Blunt („Der Teufel trägt Prada“) aber darf sich nur kurz vom strengen Entlein zur lasziven Südstaatenschönheit entblättern und kommt dann gar nicht wieder vor! Egal. Es macht Spaß, dem Trubel im gut geschmierten Politalltag zuzusehen, Hanks spielt das locker aus dem Hüftspeck raus, mit Selbstironie und Augenzwinkern. Die Blonde gibt Julia Roberts (ihr erster Auftritt seit „Ocean’s Twelve“) als ebenso engagierte wie sarkastisch-lüsterne Frau. Roberts ist es jedenfalls, die Wilson nach Pakistan und damit den Film auf Kurs bringt. Dort kann er sich nämlich nach einem Gespräch mit Pakistans Diktator Zia Ul-Haq (Vorgänger von Benazir Bhutto und auch Mörder ihres Vaters) ein Bild der riesig großen und entsetzlich elenden Flüchtlingslager im Grenzgebiet zum Nachbarland machen, in denen zahllose Afghanen gestrandet sind.

Nichols filmt die Bemühungen der Turbanträger, die mit den richtigen Panzerfäusten die russischen Helikopter im Sekundentakt vom Himmel holen, in Videospiel-Ästhetik, und man ist sich als Betrachter durchaus unschlüssig darüber, wie man das alles finden soll. „Charlie Wilson’s War“ ist für den Golden Globe als beste Komödie nominiert, und tatsächlich erinnert das Spektakel ein wenig an „Wag the Dog“, diesen Klassiker der sarkastischen Politsatire. Als rotzige, dialogpointierte Einführung ins zynische Politgeschäft funktioniert der Film deshalb auch ganz gut, und wäre er nur das, wäre das ganz toll, weil gewagt.
Doch durch die Klammer, in der sich der am Ende hoch dekorierte Wilson sein Scheitern eingestehen muss – weil das Chaos auch nach dem Abzug der Russen weiterging und aus Mudschaheddin Taliban wurden – nimmt er sich ganz hochmoralisch den satirischen Wind aus den Segeln. Die plötzliche Betroffenheit am Filmschluss (obendrein mit Trompetenschall zugesoßt) passt nicht so recht zur unbekümmerten „success story“ zuvor.
Einen aber muss man noch loben, mal wieder: Philip Seymour Hoffman. Er spielt hier, mit schwarzem Schopf und nie ohne Sonnenbrille, einen rüpelhaften CIA-Spion für gewisse Aufgaben, der Hanks am Kaukasus unterstützt und mit dynamischen Wutausbrüchen, grummeligen Anekdoten und gespitzten Sprüchen alle anderen an die Wand mimt. Auch er ist für den Golden Globe nominiert, als bester Nebendarsteller – gebt ihm den Preis. Aber „beste Komödie“? Nee.



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