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Sep 2016
08
Meine Brüder und Schwestern im Norden

Nordkorea, oder politisch korrekter „Die demokratische Volksrepublik Korea„, also der nördliche Teil des seit 1948 riesigen, geteilten Landes auf der Halbinsel in Ostasien, ist für westliche Verhältnisse immer noch ein Mysterium. Nicht erst seit der Hollywood-Komödie und der damit einhergehenden Staatsaffäre um „Das Interview“ mit James Franco und Jonah Hill. Ein Visum oder gar eine Drehgenehmigung für Nordkorea zu bekommen, ist nach wie vor sehr schwierig. Filmaufnahmen werden stets von einem „Aufpasser“ begleitet und jeden Abend gesichtet. Doch jeder will das Rätsel um den kommunistischen Staat lüften. Wie ist das Leben in Nordkorea unter der diktatorischen Regierung? Was passiert abseits der großen Vorzeige-Hauptstadt Pjöngjang?

Die Südkoreanerin Sung-Hyung Cho, die immer wieder mit ihrem scharfen aber stets respektvollen Blick auf ungewöhnliche Konstellationen (Heavy-Metal-Fans in Wacken in „Full Metal Village“ oder deutsche Rentner in Südkorea in „Endstation der Sehnsüchte„) zu unterhalten wusste, begibt sich mit ihrer vierten Dokumentation aus ihrer Reihe „Heimatfilm“ ausgerechnet nach Nordkorea. In das Land, indem Südkoreaner nicht erwünscht sind, und als „Invasoren“ bezeichnet werden, unter westlichem Einfluss, die das Land unterjochen wollen.

Weil Sung-Hyung Cho die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, bekam sie als erste Südkoreanerin eine Drehgenehmigung für das fremde Land. Drehorte und Interviewpartner wurden vorgegeben. Sung-Hyung Cho lässt diese Tatsache nicht unerwähnt. Aber sie geht auch nicht weiter darauf ein. Das stets im Alltag präsente und einflussreiche Militär inklusive der sonst in Nordkorea-Dokus üblichen Militär-Paraden mit Panzern und Raketen, unzähligen Soldaten und Soldatinnen, lässt Sung-Hyung Cho außen vor.

Die 1966 in Busan, Südkorea, geborene Filmemacherin, die 1990 nach Deutschland kam, um in Marburg zu studieren, wagt zusammen mit ihrer Kamerafrau Julia Daschner einen mutigen Blick hinter die bedrohlichen Kulissen Nordkoreas – vor allem auf die Menschen. Mit viel Feingefühl kitzelt Sung-Hyung Cho in den zahlreichen Interviews mit den ihr zur Verfügung gestellten Interviewpartnern mehr über Land und Leute heraus, als es anderen Filmemachern in ihren Dokumentationen („z. Bsp.: Im Strahl der Sonne“) zuvor gelungen war. Sung-Hyung Chos Bilder bleiben dabei stets wertfrei und respektvoll. Durch die Interviews, die Landschaftsaufnahmen und ihre gezielt subversiven Fragen vermittelt sie so ein umfassendes Bild von den Menschen, die sich mit und in diesem repressiven System zurechtfinden müssen. Mehr scheint sie nicht gewollt zu haben. Und wenn dem so ist, ist ihr letzteres eindrucksvoll gelungen.

Wer einen kurzen Einblick in das Leben zweier Unterschiedlicher Systeme (Nord-/Südkorea) bekommen will, dem empfehle ich zur Zeit Sung-Hyung Chos Dokumentation „Zwei Stimmen aus Korea“ (80 Minuten), der in der 3Sat-Mediathek zum Abruf vorliegt.

 

 



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