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Okt 2015
31
„Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne“ von Xavier Giannoli

Wenn sie singt, wird die Milch im Kühlschrank sauer: Madame Marguerite triezt ihre Günstlinge aus der französischen Hautevolee der 1920er Jahre mit Einladungen zu Benefiz-Konzerten in ihrem Landschloss vor den Toren von Paris. Dort vergewaltigt sie die großen Arien der Opernliteratur in kolossaler Selbstüberschätzung auf groteske Weise. Und zwar so sehr, dass den gepeinigten Zuhörern die Gesichtszüge vereisen – was jedoch niemanden davon abhält, trotzdem begeistert Applaus zu spenden. Die Adelige auf der Bühne hat schließlich Macht. Und viel Geld.

Marguerite, diese fiktive Terror-Trillerine, hat ein reales Vorbild: Florence Foster Jenkins, höhere Tochter aus Pennsylvania, sorgte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit stupender Talentlosigkeit für akustischen Schrecken – und gilt heute als Kultstar. Ihr Leben wird mit dem Start von Xavier Giannolis Groteske „Marguerite“ (Originaltitel) zur Zeit in den USA mit Meryl Streep verfilmt. Xavier Giannoli („Chanson D´Amour“) übernimmt nur die Grundidee und verpflanzt sie in die Zwischenweltkriegszeit. Dort wird Marguerite von einem trendbewussten Jungjournalisten, einer aufstrebenden Sängerin und einem Dada-Poeten populär gemacht, im „Club der Surrealisten“ verhackstückt sie auch noch die „Marseillaise“. Doch die Adelige will mehr: den großen Auftritt in der Pariser Oper! Marguerites Ehemann liebt sie und verzweifelt deshalb.

Xavier Giannolis „Marguerite“ hat gute Ansätze, um wichtige Fragen zu verhandeln. Über das Wesen von Kunst, Virtuosität versus Leidenschaft, Heuchelei und Selbsttäuschung, Eitelkeit und ungewollt gekaufte Gunst. Leider fehlt es dem Film sowohl an Schärfe als auch an einer Inszenierung, die mehr bietet als braves Handwerk. Allerdings ist Catherine Frôt („Die Köchin und der Präsident“, „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“) in der Titelrolle ein Ereignis: In sekundenkurzen Augenblicken macht sie ein ganzes Befindlichkeitsspektrum aus Überheblichkeit, Selbstergriffenheit und panischer Erkenntnis sichtbar. Zumindest diese Leistung ist den Preis der Eintrittskarte wert.

 




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