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Jan 2016
04
„Kirschblüten und rote Bohnen“ von Naomi Kawase

Sonntagnachmittag. Die Straßen der Großstadt sind menschenleer. Vielen steckt wohl noch der Stress von den Festtagen in den Knochen. Zudem flimmert das Skispringen der Vierschanzentournee von zahlreichen Großbild-Fernsehern aus den Wohnzimmerfenstern. Auch weil ich den Nachfolger von Naomi Kawases umjubelten „Still the Water“, „Kirschblüten und rote Bohnen“ in der Pressevorführung verpasst hatte, breche ich an diesem regnerischen Nachmittag zum einzigen Kino der Stadt auf, das den Film zeigt. Karten vorbestellen? Das war mir nicht in den Sinn gekommen. Nicht bei einer deutsch-französisch-japanischen Arthouse-Produktion, in der es um eine 76-jährige Frau geht, die einem Imbisskoch bei seiner Pfannkuchen-Produktion behilflich ist. Aber falsch gedacht. 30 Minuten vor Filmstart ist der Film ausverkauft. Etwa 30 enttäuschte Kinofans trotten aus dem Foyer. Ich bleibe. Und kaufe gleich eine Karte für die zweite Vorstellung noch am gleichen Tag. Eine gute Entscheidung.

Nach der zweieinhalbstündigen Wartezeit habe ich genau die richtige Stimmung für das wunderbare, stille Porträt, das im Original viel treffender „An – Sweet Red Bean Paste“ heißt. „An“ ist eine Füllung aus gezuckerten roten Bohnen, die in Pfannkuchenhälften, den so genannten Dorayakis, serviert wird. Und genau mit dieser Füllung hat der junge Imbissbudenkoch Sentano ein Problem. Die Herstellung bereitet ihm so große Schwierigkeiten, dass er die Paste im Behälter vom Großmarkt bezieht. Angelockt vom Duft der Dorayaki-Pfannkuchen steht eines Tages die etwas schrullige, 76-jährige Tokue vor seinem Fenster und bietet ihm ihre Dienste als Aushilfe an. Doch Sentano lehnt das Angebot zunächst dankend ab.

Einige Tage später steht die alte Dame erneut vor der Bude und übergibt dem verdutzten Koch ihre Version der Rote-Bohnen-Paste. Erstaunt über den herausragenden Geschmack willigt Sentano schließlich ein. Und noch vor Sonnenaufgang wird am nächsten Tag das „An“ zusammen selbst hergestellt. Natürlich sind die neuen, in elegischen Einstellungen hergestellten Dorayakis ein voller Erfolg, der missmutige Koch und die alte Dame werden beste Freunde und der Film wäre zu Ende – säße man in einer Produktion aus Hollywood – man denke nur an „Kiss the Cook“, „Burnt“ und Co.

Doch Naomi Kawase geht es um mehr. Bereits im Herstellungsprozess der Bohnen-Paste wird klar, dass Kawase nicht nur handlungstechnisch sondern auch stilistisch elementare japanische Grundwerte vermitteln will. Das heißt auch, aus Fehlern lernen, Scheitern akzeptieren, seine persönliche Aufgabe sowie das eigene Glück finden. Einige Kinobesucher mit kurzer Aufnahmekapazität, wie auch in meiner (abermals ausverkauften) Vorstellung, dürften damit einige Schwierigkeiten haben. Doch wer sich auf die fast dichterischen Einstellungen und das ruhige Tempo einlässt, der bekommt Kino für Feinschmecker geboten mit berührenden Bildern, hinter denen sich sehr viel Demut und Wohlbefinden verbergen. Inklusive langer Nachwirkung.

 

 

 



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