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Mai 2011
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Jorge Michel Grau: Wir sind was wir sind (Mexiko 2010), gesehen am 17.05.2011, DVD-Screener

Eine mexikanische Familie verliert ihren Ernährer und stürzt in Schwierigkeiten. Wer soll den Verstorbenen ersetzen? Wer sorgt von nun an dafür, dass Essen auf den Tisch kommt? Jorge Michel Graus Spielfilmdebüt ist nur vordergründig ein Sozialdrama. Vielmehr geht es um Kannibalsmus, immer noch eines der letzten großen Tabus der westlichen Gesellschaft. Doch im Gegensatz zu Filmen mit ähnlichen Sujet wie Ruggero Deodatos „Cannibal Holocaust“, Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“ oder gar „American Psycho“, „Hannibal Lecter“, „Rothenburg“ und Co. entspringt der Kannibalismus bei Grau nicht aus einem niederen Instinkt heraus, sondern wird als ein jahrtausend Jahre altes Ritual entdämonisiert. Folglich wird die Praxis nur zum Ende des Films angedeutet und liefert insgesamt vielmehr einen sozialkritischen Überbau.

Der Tod und seine Folgen als Metapher für den Wert eines Menschen in der mexikanischen Gesellschaft. Die Familie muss sich neu strukturieren. Wer soll nun das Familienoberhaupt sein? Alfredo, der Älteste der Familie, der nie gelernt hat seine Ellenbogen einzusetzen, wenn es darauf ankommt oder Julio, der Heißsporn, dessen Frustration sich in Gewalt niederschlägt? Die Mutter hat sich zurückgezogen. Demnach wäre Sabina am besten geeignet, die cleverste von allen, der aber eine Führungsrolle nicht zu steht. Erst recht nicht in einer patriachalischen mexikanischen Gesellschaft. Das Fleisch, oder vielmehr das Menschenfleisch, muss in der Großstadt erst gejagt werden. Die Konflikte spitzen sich zu. Damit entpuppt sich dieses behutsame und – zugegeben mit beeindruckenden Bildern – inszenierte Debüt als ein „Melting Pot der Sozialklischees“. Kein Thema, das nicht angerissen wird, von Armut, Coming Outs, über Korruption, Kinderprostitution bis hin zu inzestuösen Neigungen zwischen den Geschwistern. Der junge Regisseur versucht in seinem Debüt alles unter zu bringen, was ein Sozialdrama anbieten kann. Das ist sehr schade, da er insgesamt mit Mitteln des Horrorfilms eine spannende und überzeugend gespielte Überlebensgeschichte zeichnet. Der Film wird am 2. Juni 2011 in den deutschen Kinos starten.



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