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Sep 2011
05
Herzensbrecher, Blue Valentine, I´m still here, What a Man

Sommerzeit = Sauregurkenzeit. Im letzten Jahr war diese Gleichung im Kino aufgegangen. Auch wegen der Fußball-WM in Südafrika. Viele Verleiher hatten auf einen Start eines großen Films im schönen Sommer 2010 verzichtet. „Toy Story 3“ oder „Inception“ gingen beispielsweise erst Ende Juli an den Start. Richtig Kasse wurde dann Mitte/Ende August gemacht. Und in diesem Jahr? Im verregneten Sommer 2011 kamen die Blockbuster im Wochentakt in die Kinos: „Source Code“ (02.06.), „Hangover 2“ (02.06.), „X-Men: Erste Entscheidung“ (09.06.) „Kung Fu Panda 2“ (09.06.), die Filmtheaterbetreiber hatten alle Hände voll zu tun. Doch die Qualität der großen Filme („Transformers 3“, „Hangover 2“, „Bad Teacher“) ließ in diesem Sommer doch sehr zu wünschen übrig. Vor allem die kleineren Filme waren es (wieder einmal), die in diesem Sommer 2011 das große Ausrufungszeichen setzten.

„Herzensbrecher“ von Xavier Nolan ist so ein Film, der eine bleibende Erinnerung hinterließ. Zumindest bei mir. Das erste Ausrufungszeichen hatte der junge Kanadier aber bereits mit seinem Spielfilmdebüt „I killed my mother“ (2009) gesetzt. Szene aus dem Film HerzensbrecherMit seinem zweiten nicht weniger beeindruckenden Film, der zwar nicht die Dramatik des Erstlings versprüht aber vor allem durch seine deutlichen Reminiszenzen an große Regisseure wie Wong Kar Wai, Godard und Co. von einem enormen Selbstbewußtsein zeugt, eröffnete Xavier Nolan die Arthouse-Schiene 2011 mit einer beeindruckenden filmischen Ouvertüre. Im Zentrum von „Les amours imaginaires“ (so der Originaltitel) stehen die beiden engen Freunde Francis (Xavier Dolan) und Marie (Monia Chokri), die beide dem unwiderstehlichen Charme des blondgelockten Nicolas (Niels Schneider, Photo) erliegen. Francis und Marie verstricken sich in ein Liebesduell um seine Gunst. Doch am Ende dieses Duells müssen sie schmerzvoll erfahren, dass keine der beiden den Beau erobern wird. Bei den Filmfestspielen in Cannes 2010 war der Frankokanadier Xavier Dolan mit seinem zweiten Spielfilm der jüngste Regisseur im offiziellen Wettbewerb. Und obwohl der damals 20-jährige in Cannes leer ausging, wurde er bereits als Wunderkind gefeiert. Man darf sich also schon jetzt auf den nächsten Film des Kanadiers freuen.

Große Vorfreude weckte in mir auch die euphorische Kritik von Carsten zu Derek Cianfrances Liebesdrama „Blue Valentine„. „Unbedingt sehenswert“ empfahl Carsten bei uns auf der Seite viele Wochen vor dem Filmstart (am 04. August in D). Zwölf Jahre hatte der Amerikaner Cianfrances an seinem erst zweiten Spielfilm gearbeitet. Szene aus dem Film Blue ValentineZusammen mit der herausragenden (Oscar-nominierten) Michelle Williams und dem nicht minder talentierten Ryan Gosling erzählt Cianfrances in „Blue Valentine“ vom Anfang und Ende einer Beziehung, in mehreren Zeitebenen, kunstvoll miteinander verwoben, über einen Zeitraum von sechs Jahren. Weil er seinen Schauspielern nahezu freie Hand ließ und sie Wochen vor Drehbeginn zusammen in dem Haus unterbrachte, das nachher der Schauplatz der Zerwürfnisse zwischen den beiden sein sollte, entstand vor der Kamera eine Atmosphäre, eine Authentizität, die in diesem Genre ihresgleichen sucht. Wer sich immer schon gefragt hat, warum die Faszination immer nur von der Entstehung einer Liebesgeschichte und niemals vom Ende einer Liebe ausgeht, der wird hier eines Besseren belehrt. Selten hat man eine Liebe im Kino so sehr mitlieben, mitfühlen und mitleiden können, wie in Derek Cianfrances „Blue Valentine“. Zurecht ein Film, der bei uns am Ende des Jahres in den Jahrescharts sicherlich eine große Rolle spielen wird.

Eine große Rolle in den Jahrescharts wird mein nächster Film, den ich noch vor meinem Urlaub auf (Import-)DVD sehen konnte (danke, Tine!), sicher nicht spielen. Casey Affleck begleitet in seiner Mockumentary „I´m still here„, in einem Mix aus Doku und Musikfilm, seinen besten Freund und Trauzeugen Joaquin Phoenix. Szene aus Im still thereDer hervorragende Schauspieler („Der Gladiator“, „Walk the Line“) hatte angeblich 2008 genug von der Schauspielerei und wollte sich neu erfinden. Nur noch Rapper sein und JP genannt werden, so lautete der Plan. Zwei Jahre hat diese Neugeburt angeblich gedauert. Aber: Alles nur Fake. Alles inszeniert. Inklusive skurriler Auftritte in Discotheken und Talkshows mit Zottelbart. Fake oder nicht, dieser Seelenstriptease machte keinen Spaß. In der Tat stellt sich Phoenix´ Situation dermaßen schlimm dar, dass einige Stellen Anlass dazu geben, an der Authentizität des Films zu zweifeln. Phoenix kritisiert das Business mit einer Inszenierung. Er bedient sich der Mittel, die ihn reich und berühmt gemacht haben. Viele mögen das clever nennen, ich nenne das egoistisch.

Nach meinem Urlaub lautete mein erster Auftrag: „What a Man“ von Matthias Schweighöfer. Ich mag den sympathischen Schauspieler aus Berlin. In unserem Interview hatte er sich von seiner besten, sehr freundlichen, offenen und charmanten Seite präsentiert. Über Facebook hatte man über fast alle Schritte von Matthias Schweighöfer, die ein Spielfilmdebüt mit sich bringen, nachlesen können. Spannend. Und vor allem clever! Kein Wunder also, dass bei 500.000 „Freunden“ der Film gleich auf Platz 1 der deutschen Kinocharts ging. Über 300.000 Kinogänger wollten damit lieber Matthias Schweighöfer in der Rolle des Grundschullehrers Alex sehen, als beispielsweise mit Harrison Ford und Daniel Craig in die Prärie zu reiten („Cowboys and Aliens“). Respekt. Die Fox-Werbelawine und seine Talkshow-Tingelei erledigten den Rest. In diesen Tagen wird er nur mit einem „Schlüpper“ bekleidet durch das Brandenburger Tor laufen, weil sein Debüt mehr als 500.000 Besucher in die Kinos gelockt hat.

Szene aus dem Film What a ManAn der Qualität des Films kann dieses Til-Schweiger-Déjà-vu-Elebnis namens „What a Man“ allerdings nicht liegen. Matthias Schweighöfer stellte in seiner Männerkomödie nach Doris Dörrie, Herbert Grönemeyer, Til Schweiger und vielen weiteren wieder einmal die Frage nach dem „Mannsein“…. Und, wann ist nun der Mann ein Mann? Um das herauszufinden, muss der Lehrer Alex (Schweighöfer) erst von seiner Modelfreundin Caro (Mavie Hörbiger) verlassen werden, die Ratschläge seiner Freunde Okke (Elyas M´Barek) und Nele (Sibel Kekilli) in die Tat umsetzen, einen Baum fällen und zuletzt seine Flugangst überwinden. Eine Woche „DMAX-TV“ gucken, hätte es vielleicht auch getan. Sein Film „What a Man“ ist nicht mehr als ein postpubertäres Abarbeiten von Klischees. Auch wenn dies bei Schweighöfer, Kekilli und Co. zugegeben richtig süß ausschaut.



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