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Aug 2015
11
„Gotthard Graubner – Farb-Raum-Körper“ von Tilman Urbach

Im Sommer 2010 öffnete Gotthard Graubner sein Atelier. Kurz zuvor war der gebürtige Sachse zum Ehrenmitglied der Kunstakademie in Düsseldorf ernannt worden. An der staatlichen Akademie hatte er bis 1996 zwanzig Jahre als Professor für Freie Malerei gewirkt. Obwohl der damals 80-jährige Graubner, wie so viele Maler vor ihm, nur ungern über seine Arbeit sprach – Graubner verstarb im Mai 2013 – beantwortete er geduldig die zahlreichen Fragen des Filmemachers und Journalisten Tilman Urbach und nahm das Filmteam wenig später mit zu einer Ausstellung seiner Bilder nach Paris sowie auf die Museumsinsel Hombroich in Neuss, wo er von seinen künstlerischen Anfängen aber auch von seinen Zweifeln und Widerständen seines langen Lebens erzählte.

Wer noch nie etwas von Gotthard Graubner gehört hat, sich aber ein wenig für Kunst interessiert, der wird vielleicht die berühmten Kissenbilder kennen, die Graubner selbst „Farbraumkörper“ nennt. Genau mit diesen sehr großen Kissenbildern, die in zahlreichen Museen und Sammlungen (u.a. im Berliner Reichstag) auf der ganzen Welt zu sehen sind, eröffnet Urbach seine sehenswerte Dokumentation. Genauer stellte Urbach seine Kamera ins Bottroper Josef Albers Museum, als dieses im Jahr 2012 für die Ausstellung „Gespräch mit Josef Albers“ vorbereitet wurde. Ein ungewöhnliches Intro, mit Bewegtbildern, die in etwa so aufschlussreich sind wie die Abfahrt und die Ankunft von Politiker-Limousinen vor dem Bundekanzleramt in Berlin, wenn es um die aktuelle politische Berichterstattung geht. Zu Beginn sind lediglich Spediteure zu sehen, die Graubners überdimensionale Farbraumkörper auf die Räume verteilen.

Doch so perfektionistisch wie der Künstler Gotthard Graubner selbst zu Beginn seine Farbraumkörper arrangiert, so hartnäckig versucht auch der Journalist und Dokumentarist Tilman Urbach in nur 93 Minuten dem Leben und Wirken des Künstlers auf den Grund zu gehen. Die zahlreichen Fragen Urbachs´ beantwortet der Künstler meist mit kurzen Sätzen oder wenigen Worten. „Was haben Sie mit Claude Monet gemein?“ – „Ich weiß nicht, den Hut vielleicht … “ Graubner lässt erkennbar lieber seine Werke sprechen. Mithilfe eines Freundes werden ältere Skizzen aus den Schubladen seines Ateliers gekramt, die manchmal mit kleinen Anekdoten, meistens jedoch nur mit kurzen Zeitangaben kommentiert werden.

Ähnliche Paradebeispiele für nonverbale Kommunikation kommen dem Betrachter in den Sinn: Corinna Belz´ großartige Dokumentation über den Künstler Gerhard Richter („Gerhard Richter Painting“) beispielsweise. Auch so ein Porträt, das sich die Zeit nehmen konnte, dem Werk des Künstlers Schicht für Schicht auf den Grund zu gehen. Wie einst Corinna Belz gelingt es auch Tilman Urbach durch vorsichtige und entwaffnende Fragen die spärlichen, aber aufschlussreichen biografischen und persönlichen Informationen über einen herausragenden Künstler aufzudecken, und viel wichtiger noch, einem außergewöhnlichen Künstler dabei über die Schulter sehen zu dürfen, wenn umwerfende Bilder entstehen und wie der Maler dabei immer wieder der eigenen, inneren Perfektion zu genügen versucht, bietet für den kunstinteressierten Betrachter einen Mehrwert, den nur eine Dokumentation leisten kann, die sich sehr viel Zeit nimmt. „Gotthard Graubner – Farb-Raum-Körper“ ist ein immer spannender werdendes, aufschlussreiches 93-minütiges Künstler-Porträt, das auf den 48. Internationalen Hofer Filmtagen 2014 Deutschlandpremiere feierte.

 




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