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Jan 2013
31
„Django Unchained“ von Quentin Tarantino

Vorweg: Wer sich diesen Film in der deutschen, synchronisierten Fassung anschaut, der sieht ein verfremdetes Kunstprodukt, verfälscht und verformt. Warum? Weil einer der Hauptfiguren, der „Zahnarzt“ Dr. King Schultz, gespielt von Christoph Waltz, ein deutschstämmiger Zahnarzt ist, der in der Originalfassung ein wenig deutsch spricht. Diese wenigen deutschen Sätze, die er mit zwei Darstellern (Jamie Foxx als Django und Kerry Washington als Broomhilda von Shaft) wechselt, sind so elementar wichtig für die Handlung, dass sie in der synchronisierten Fassung so nicht fehlen dürfen bzw. verändert werden sollten. Aber sie wurden verändert bzw. falsch übersetzt. Manchmal ist es ein Graus mit der deutschen Synchronisation.

Zum Film: Mit der ersten Einstellung hämmert Autorenfilmer Quentin Tarantino seine filmische Intention in die Sehbahnen jedes Zuschauers, eine Karawane frierender Sklaven schlurft angekettet durch die Wildnis, in großen Lettern erscheinen die Namen der Hauptdarsteller auf der Leinwand. Dabei gerieten die Namens-Schriftzüge so groß, dass sie die anfängliche Szenerie übermalen. Zusammen mit dem brummenden Django-Thema (aus dem 1966er Original mit Franco Nero) wird der Italo-Western glorifiziert, transferiert in den Süden der USA vor dem Hintergrund der Sklaverei-Thematik, so übertrieben, so überdeutlich, wie es wohl nur einem Quentin Tarantino vorbehalten ist.

Diese Vorgehensweise ist besonders schlimm, weil es sich bei „Django Unchained“ in keinster Weise um einen Italo-Western handelt. Auch den Stempel „Spaghetti-Southern“ (wie Tarantino seinen Film nennt) will man seiner Django-Version am Ende nicht aufdrücken. Überraschend (und für einen Tarantino-Film recht unüblich) linear wird die Geschichte zweier Männer (ein herausragend gewitzter Waltz und ein mürrisch cool dreinblickender Jamie Foxx) erzählt, die auf ihrem Beutezug als Kopfgeldjäger ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren: die Suche nach Djangos Ehefrau Broomhild, die sich als Sklavin auf der „Candie-Ranch“ des gelangweilten Großgrundbesitzers Calvin Candie (klasse: Leonardo DiCaprio) befindet.

Ihr Beutezug säumen zahlreiche Altstars. Schauspieler, die sich entweder als überzeichneter Großgrundbesitzer (Don Johnson), als Entertainment-Kontrahent (Franco Nero) oder Sherrif (Bruce Dern) in einem Tarantino-Film austoben dürfen. Besonders schlimm werden diese ständigen Überzeichnungen, als das Duo von einer Truppe Ku-Klux-Klan-Jünger umzingelt wird, deren Mitglieder sich ob ihrer schlecht zurechtgemachten Masken zunächst nicht für-oder-gegen einen Angriff entscheiden können. Als dann auch noch Judd-Apatow-Comedy-Liebling Jonah Hill unter den Mitgliedern des Klans seine Maske vom Kopf reißt, geht jegliche Ernsthaftigkeit, wenn sie denn überhaupt bislang vorhanden war, in den ewigen Jagdgründen verloren. Willkommen im B-Movie!

Nicht nur in diesen Szenen wird deutlich, wie sehr Tarantino an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema Sklaverei gelegen ist: Überhaupt nicht. Seine „Django“-Hommage bleibt in vielen Szenen so gelangweilt uninspiriert (überflüssige Reitszenen durch die Landschaft), so schrecklich unnötig überzeichnet, so widersprüchlich im Sujet, so überzogen blutig in zahlreichen Szenen (Schlussszene), so selbstverliebt in die Figuren (Uncle Tom-Verschnitt Samuel L. Jackson), dass jede Freude und jedes Lächeln der zahlreichen Tarantino-Fans, zu denen ich mich auch zähle, für diese Pseudo-Blaxploitation-B-Movie-Enttäuschung zum Fremdschämen anregt. Oder, wie es ein angesehener New Yorker Filmkritiker in Bezug auf Tarantinos bekanntermaßen große Liebe zu dunkelhäutigen Darstellern auf den Punkt bringt: „Still not a brother„.

  



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Eure Kritiken zu „Django Unchained“ von Quentin Tarantino

  1. Kate M.

    ENDLICH! DANKE! Ich lese überall nur positives und denk “ Sah ich nen komplett anderen Film??“ Christoph Waltz wirkte teilweise so affektiert, so pseudo witzig… und mir kam es auch so vor, dass Waltz und DiCaprio veruschten sich an die Wand zu spielen. Wobei DiCaprio mega mega gut war!!!

    • Hallo Kate,

      bitte! 😉 Beim Duell Waltz/DiCaprio muss ich Dir recht geben. Beide balancierten meiner Meinung nach gekonnt auf dem schmalen Grad zwischen Perfektion und „over acting“. Für Waltz eine nachvollziehbare Oscar-Nominierung bzw. der Golden Globe Gewinn.

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