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Dez 2012
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„Der Aufsteiger“ von Pierre Schoeller

„Über 4000 Kontakte aber kein einziger Freund darunter“, seufzt Bertrand Saint-Jean beim Blick auf sein Mobiltelefon. Der unscheinbar aussehende Familienvater ist Frankreichs Verkehrsminister, angetrieben von seiner ehrgeizigen PR-Beraterin (Zabou Breitman) und auf der Karriereleiter auf dem Weg nach oben. Und das alles nur, weil er nach einem schweren Busunglück noch in der Nacht sowie am frühen Morgen darauf betroffen und medienwirksam sein Beileid für die Unfallopfer in die anwesenden Kameras übermittelt. Olivier Gourment gibt sich vor der grandios geführten Kamera von Julien Hirsch sichtlich Mühe, diesen Bertrand Saint-Jean nicht wie eine ehrgeizige Marionette aussehen zu lassen. Nüchtern, ja fast stoisch gibt er seine knappen Anweisungen an seinen Mitarbeiterstab weiter, setzt dabei aber immer wieder kleine Seitenstiche, um sein Team zu Höchstleitungen zu treiben.

Die Hauptarbeit im Ministerium regelt sein sehr erfahrener und angesehener Staatssekretär (Michel Blanc), der die Fäden zusammenhält und an „seinen“ Bertrand glaubt. Auch weil dieser nicht aus einer der großen angesehenen französischen Familien stammt und kein ENA-Absolvent ist, einer Eliteschule, aus deren Abgängern sich die Regierungen Frankreichs rituell speisen. Sieben Jahre hat der französische Gesellschaftskritiker Pierre Schoeller („Versailles“) für seine Innenansichten dieses fiktiven politischen Alltags recherchiert. Der dokumentarische Gestus der Erzählung dürfte dem bekannten Produzentengespann Luc und Jean-Pierre Dardenne („Rosetta“, „Das Kind“, „Der Junge mit dem Fahrrad“) geschuldet sein. Gemeinsam enttarnen sie in hyperrealistischen Bildkompositionen den Machtlust in ihrer Perversion, dokumentieren den brüchig gewordenen Rückhalt eines einstigen Sympathieträgers und geben Einblick in einen politischen Alltag, der so oder so ähnlich in allen europäischen Ministerien ablaufen könnte. Ein Politdrama, das Dank der herausragenden Darsteller und des nüchternen Anstrichs sofort unter die Haut geht. Ausgezeichnet mit drei Preisen auf der César-Verleihung 2012. Nicht nur für Politikfans ein „Must-See“.

  



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