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Nov 2015
17
„Das fehlende Grau“ von Marc Dietschreit und Nadine Heinze

Sonntagnachmittag. Novemberwetter. Es regnet unablässig und mein Lieblingskino lädt ein zur Vorführung des deutschen Films „Das fehlende Grau“. Wie passend. Die beiden Filmemacher Nadine Heinze und Marc Dietschreit sind im Rahmen des NRW-Kinotages-2015 anwesend und stellen ihr Debüt, das „Psychogramm einer provokant auftretenden jungen Frau und der Männer, die ihr verfallen“ selbst vor. Klingt spannend, denke ich. Mit mir hatten an diesem Nachmittag etwa 10 weitere Filmfreunde auch Lust auf den Film. Davon blieben am Ende sechs Gäste übrig. Der Rest hatte noch während der Vorführung oder kurz im Anschluss daran das Weite gesucht. Schade, dachte ich. Denn sie haben nicht nur einen sehr herausfordernden Film sondern auch ein tolles, aufschlussreiches Gespräch mit den Filmemachern verpasst. Aber dazu später mehr.

In „Das fehlende Grau“ geht es um eine junge Frau, namenlos, überragend gespielt von Sina Ebell. Diese junge Frau ist Goldschmiedin in einer größeren Stadt, selbständig, unabhängig, ungebunden, frei. Doch mit ihrer Freiheit weiß sie nur wenig anzufangen, sie scheint süchtig nach Nähe zu sein, süchtig nach Eskalation, die sich in provozierenden Flirtversuchen mit diversen Männern unterschiedlichen Alters entlädt. Sie genießt es, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen, mal ist sie die Lolita, am anderen Abend der Vamp. Aus drei dieser Aufeinandertreffen schälen sich drei Kurzgeschichten heraus, die von Nadine Heinze und Marc Dietschreit nicht chronologisch sondern parallel montiert werden.

Ihre Hauptfigur scheint in diesen Aufeinandertreffen nicht nur die Blicke der Fremden zu genießen. Ihre „Opfer“ werden regelrecht angestachelt. Letztlich spielt sie mit ihren Fantasien und bringt drei von ihnen (verkörpert von Rupert J. Seidl, Albert Bork und Alexander Steindorf) dazu, sie mit nach Hause oder ins Hotel zu nehmen. Doch wenn die Männer sich am Ziel ihrer Wünsche wähnen, fängt sie an sie hinzuhalten und sie mit ihren Schwächen zu konfrontieren. Mit diesem manipulativen Verhalten treibt die Frau ihre Bekanntschaften in die Enge und manövriert sich selbst in manch gefährliche Situation.

Szenen, die teilweise unfreiwillige Komik aber auch viel Unverständnis evozieren. Zusammen mit der ersten Einstellung, eine Wanderung auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses – stets nah am Abgrund – reift die Vermutung, dass die Hauptfigur unter einer Persönlichkeitsstörung leiden könnte. Eine Bestätigung dafür liefern die Filmemacher aber nicht, Vorgeschichte und Hintergründe bleiben im Dunkeln. Genauso wie die Begegnung mit einem jungen Mädchen, die ich zunächst für die Tochter der Hauptfigur hielt. Einen weiteren Zugang zur Haupt- oder zu den Nebenfiguren gewähren die Filmemacher nicht. Nur das abrupte Ende bietet einen Ausblick auf einen kurzen selbstreflexiven Moment.

Wie erwähnt, nicht alle Kinobesucher wollten sich dieses 83-minütige Psychogramm bis zum Ende antun. Ein schwer zu packender Film, der Erinnerungen an Filme wie „Allein“ von Thomas Durchschlag (2004) oder „Valerie“ von Birgit Möller (2006) weckt. Wie „Das fehlende Grau“ auch vielversprechende Debütfilme, die Lust auf mehr mach(t)en.

Das Interview mit Nadine Heinze und Marc Dietschreit findest Du hier.

 




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